Pizza zum Frühstück
Wenn Stimulanzien den Appetit beeinflussen
10 sichere Strategien für nahrhafte Ernährung
Aus: ADDitude - The Happy Healthy Lifestyle Magazine for People With ADD (http://www.additudemag.com/). Übersetzung: H. Heim
Letzte Aktualisierung
dieser Seite:
02.12.2008
Es ist so, als ob man eine
Diätpille einnimmt, um sich dann zu Tisch zu setzen und zu essen",
sagt Dr. Larry Silver, Professor der Psychiatrie an der Georgetown
University Medical School. "Der Versuch, ein Kind während der
Einnahme von Ritalin oder ähnlichen Stimulanzien zur Einnahme
regelmässiger Mahlzeiten zu bewegen, kann deshalb nicht
funktionieren".
Dr. Silver und viele andere
Experten raten den Eltern, die Mahlzeiten zwischen den Einnahmen der
Medikamente festzusetzen. Doch für viele ADHS Kinder wie Ben ist
diese Taktik nicht durchführbar.
"Es ist ein
zweischneidiges Schwert", sagt seine Mutter Michelle. "Mit Ritalin
schaffe ich es zwar, ihn an den Tisch zu bekommen, aber ich kriege
ihn nicht dazu, etwas zu essen. Ohne Ritalin kriege ich ihn dazu,
etwas zu essen, aber ich schaffe es nicht, ihn an den Tisch zu
bekommen".
Michelles Probleme werden von
Tausenden von anderen Eltern geteilt, welche frustriert sind beim
Anblick unberührter, voller Teller und ungeöffneter
Schullunchpakete. "Als Mutter fühlt man sich verantwortlich, seine
Kinder richtig zu ernähren", sagt Michelle. "Ich kann ihn nicht zum
Essen zwingen, und die Mahlzeiten enden oft mit meinem Bitten oder
Betteln oder einem Streit zwischen uns.
Aber Ernährungsspezialisten,
welche sich mit diesem Problem befassen, sagen, es ist höchste Zeit,
die Diskussionen zu beenden, und damit anzufangen, sich umzustellen.
Der erste Schritt ist es, zu akzeptieren, dass Ihr Kind nicht
hungrig ist, und damit aufzuhören, das Essen als Anlass für
Auseinandersetzungen zu nehmen.
"Diese Kinder werden
normalerweise versuchen, den Mangel an Nahrung auf natürliche Art zu
kompensieren", sagt Keith Ayoob, Ph.d., Assistenz Professor der
Pädiatrie am Albert Einstein Medical College in New York und
Direktor der Ernährungsklinik seines Kinder Entwicklungs- und
Rehabilitations Centers. "Unsere Aufgabe als Eltern ist es, ihnen in
dem Moment, in welchem sie hungrig sind, nahrhaftes Essen mit hohem
Kaloriengehalt anzubieten, auch wenn es nicht dieselbe Zeit sein
sollte, wie bei dem Rest der Familie".
Das bedeutet, in der Küche
stets genügend an proteinhaltiger und kalorienreicher Nahrung wie
Käse, Pudding, Vanillecreme, Fleischwaren und getrocknete Früchte
bereit zu halten. "Nüsse und Rosinen sind ausgezeichnete
Zwischenverpflegungen", sagt Dr. Ayoob. "Und halten sie sich zurück
mit nährstoffarmen Lebensmitteln, wie Süssgetränke und Gelatine".
Sie liefern zwar die erforderlichen Kalorien, aber absolut keine
Nährstoffe", fügt Dr. Ayoob hinzu
Dr. Ayoob zählt zehn einfach zu handhabende Strategien auf, die ihrem hyperaktiven und mit Ritalin behandeltem Kind helfen sollen, gesund und stark aufzuwachsen:
Machen Sie das Frühstück zur allerwichtigsten Mahlzeit des Tages, und servieren Sie dieses, noch bevor die erste Medikamentendosis ihre Wirkung zeigt. "Dies kann zur Folge haben, eine halbe Stunde früher aufzustehen zu müssen, um ein ungewöhnliches Frühstück zuzubereiten". Dr. Ayoob sagt: "Wenn das Frühstück die Lieblingsgerichte Ihres Kindes miteinbezieht, essen hyperaktive Jünglinge sogar den ganzen Teller leer“.
Mit ungewöhnlich, meint Dr. Ayoob, gebratenes Huhn, Teigwaren mit Käse und Fleisch, sogar Hamburger-Reste, die oft vom Abend davor übrig sind. "Wenn Ihr Kind Omeletten mag, können Sie es auch damit versuchen," sagt er. "Aber lassen Sie Speck und Wurst, welche Kalorien mit wenig Nährwert liefern, beiseite. Verwenden Sie stattdessen eine Menge Käse".
Die Eltern können dem Kind Sandwiche aus Vollweizen, anstatt Weissbrot zum Frühstück anbieten, um so mehr Nährstoffe in die Mahlzeit einzubauen. "Käse, Erdnussbutter, Huhn - alle diese nährstoffreichen Lebensmittel eignen sich grossartig für Sandwiche". Dr. Ayoob schlägt sogar Pizza zum Frühstück vor, garniert mit Käse sowie der Lieblingssosse Ihres Kindes. Um speziell einen Nährstoffmangel auszugleichen, legen Sie noch eine Extra-Portion Käse, zerkleinertes Huhn, und zerkrümelten Hamburger oder Hackbraten obendrauf.
Andere Ernährungs- und Essensvorschläge für Kinder, welche Stimulanzien einnehmen:
- Servieren Sie beim Essen die nährstoffreichsten und kalorienhaltigsten Speisen zuerst. Falls Ihr Kind noch immer hungrig sein sollte, gehen Sie zum Gemüse über. Wenn das Nachtessen aus Huhn, Kartoffeln, grünen Bohnen und Salat besteht, servieren Sie Ihrem Kind einen Teller nur mit Huhn und Kartoffeln darauf und erst nachdem der Teller leergegessen ist, bieten Sie ihm noch grüne Bohnen und Salat an. Bedenken Sie, dass diese Kinder möglicherweise nicht in der Lage sind, mehr als sechs Bissen zu sich zu nehmen, um satt zu sein. Sorgen Sie also dafür, dass diese sechs Bissen den grössten Nährstoffgehalt und die meisten Kalorien aufweisen.
- "Wird es dem Kind nicht schaden, wenn es kein Gemüse isst?". „Vergessen Sie dies," sagt Dr. Ayoob. "Versuchen Sie nicht, dieselben Regeln bei diesen Kindern anzuwenden wie bei anderen. Das Wichtigste in diesem Fall ist es, ihm die meisten Kalorien beliebiger, nährstoffreicher Speisen zu verabreichen". Ergänzt mit Vitaminen, wenn nötig.
- Überschütten Sie Ihr Kind nicht mit Nahrung. Kinder mit spärlichem Appetit werden entmutigt beim Anblick eines vollen Tellers, was es ihnen fast verunmöglicht, zu kosten und zu essen. Mit kleinen Portionen klappt es besser, weil Ihr Kind die Aufgabe dann nicht unüberwindbar findet. Falls Ihr Kind noch hungrig ist, wird er oder sie Nachschub verlangen. Andererseits wirkt es weniger entmutigend, wenn das Essen in Portionen aufgeteilt ist: Schneiden Sie Sandwiche diagonal, in Hälften oder Viertel. Und anstatt einen Riesenburger zu servieren, schneiden Sie ihn entzwei und teilen ihn in zwei dünnere Hälften.
- Sie brauchen sich wegen Süssigkeiten keine Sorgen zu machen, vor allem, wenn diese nährstoffreich sind. "Der Glaube, dass Zucker, die Kinder noch mehr „hyper“ macht, ist ein Mythos", sagt Ayoob. "Wenn irgend etwas sie beruhigt, dann nur, weil es das Serotonin im Hirn freigibt. Hyperaktive Kinder sind hyperaktiv, weil sie eine neurologische Störung haben, und nicht auf Grund dessen, was sie essen."
- Stellen Sie Süssigkeiten her, indem Sie bewusst nährstoffreiche Zutaten verwenden. Karottenkuchen oder Plätzchen mit Erdnussbutter, Nüsse und Rosinen sind eine ausgezeichnete Auswahl. "Eiscreme bietet ebenfalls Kalorien mit Nährstoffen", sagt Ayoob. "In diesem Fall machen Sie sich keine unnötigen Gedanken wegen des Fettgehaltes. Manchmal ist mehr Fett nötig um ausreichende Kalorien zu liefern, wenn das Kind nicht in der Lage ist, grössere Portionen zu essen."
- Verändern Sie Ihre Rezepte, indem Sie die Gerichte mit Kalorien und Nährstoffen anreichern. Wenn Sie backen, ersetzen Sie die Vollmilch durch Kondensmilch. Man erreicht auf diese Art dasselbe Ziel mit der doppelten Menge an Nährstoffen. Fügen Sie Muffins und anderem Gebäck Nüsse und Rosinen zu. Verwenden Sie Vollkornmehl anstatt Weissmehl. Mengen Sie einen Teil Kondensmilch unter die Milch-Shakes. Streuen Sie bei der Zubereitung von Vanille-Creme zusätzlich Milchpulver dazu. Wenn Ihr Kind auf Gelatine besteht, verwenden Sie Milch anstatt Wasser.
- Machen Sie sich keine Sorgen wegen des Schullunchs. Das ist etwas, worüber Sie keine Kontrolle haben", sagt Dr. Ayoob. "Und wenn Ihr Kind ein nahrhaftes Frühstück zu sich genommen hat, fällt das, was es in der Schule isst oder nicht isst, nicht mehr ins Gewicht."
- Bereiten Sie Gemüse zu, indem Sie bewusst den Kaloriengehalt erweitern. Verfeinern Sie eine gebackene Kartoffel oder Broccoli mit geschmolzenem Käse. Wenn der Rest Ihrer Familie Light-Salatsossen benutzt, stellen Sie einen Teil für Ihr Kind beiseite, welches Salatsossen mit einem höheren Fett und Kaloriengehalt braucht.
- Halten Sie nahrhafte Zwischenverpflegung bereit und stellen Sie einen Teller für mitternächtliche Kühlschrankgänge bereit. Kinder die Ritalin nehmen, werden zu unerwarteten Zeiten hungrig. Stellen Sie überall im Haus Schalen mit Nüssen und Rosinen auf - sogar im Kinderzimmer. Und da Eltern öfters berichten, sie hätten ihre Jünglinge beim nächtlichen Kühlschrankgang ertappt, vergewissern Sie sich, dass er mit den richtigen Versuchungen gefüllt ist, solche wie Vanille-Creme, Yoghurt, Karottenkuchen und Rosinenbrot". Sie können sogar einen Teller anrichten für Ihr Kind, belegt mit Esswaren, die ihm schmecken". Dr. Ayoob schlägt vor, "Fleischwaren, Käse, Teigwaren, Vollkornbrot, und Nachspeisen mit einzubeziehen". Wenn Sie es vor der Schlafenszeit im Kühlschrank platzieren, werden Sie oft feststellen, dass es am nächsten Morgen verschwunden ist.
- Diskutieren Sie nicht über das Essen. Ihr Kind könnte eine negative Verbindung zum Essen entwickeln, was zu der ganzen Problematik noch dazukäme. Geben Sie statt dessen eine Menge positiver Unterstützung und Verstärkung, wenn Kinder essen. Erinnern Sie sich: Normale Diätregeln gelten nicht für Kinder, die Ritalin nehmen.
- Ermuntern Sie diese beim Einkaufen und Servieren nährstoffreichen Essens, sich richtig zu ernähren, angepasst an ihren eigenartigen Essensplan, anpassungsfähig und locker zu sein.
Leserbrief (Antwort einer Mutter)
Ich habe den Beitrag "Pizza zum Frühstück" auf ADD-Online gelesen. Was ich darin vermisse, sind Aussagen von ADS-Kindern, die erklären, warum diese oft nicht essen "wollen", oder besser gesagt "nicht können“.
Es gibt verschiedene Gründe, warum dies so ist. Ganz speziell hängt es meiner Erfahrung nach mit der Sinneswahrnehmung zusammen. Jedes Kind hat seine eigene Wahrnehmung von Esswaren und vom Essen. Viele Faktoren, wie der Duft, die Farben, wie die Speisen angerichtet sind, die Menge, das Zurechtkommen mit dem Besteck, die Konsistenz im Mund, Geräusche, einander anblicken usw., können einen Einfluss darauf haben, ob ein Kind mit ADS vergnügt isst oder einen "Ablöscher" hat.
Ich stelle immer wieder fest, dass in den Gesprächsgruppen das Essen ein Thema ist, dass sich aber keiner Gedanken darüber macht, warum das Kind gewisse Lebensmittel nicht essen will und sich bis zur letzten Konsequenz vehement verweigert. Viele sind offenbar immer noch der Meinung, was auf dem Tisch / Teller ist, wird gegessen ohne zu murren, wir hatten damals als Kinder auch keine andere Wahl.
Es gibt eine schöne, präzise Aussage die beiden Seiten gerecht wird, wenn die Botschaft verstanden wird. Der Vater/ die Mutter: “In Afrika gibt es viele Kinder, die froh wären, wenn sie nur einen Viertel des Essens haben würden, welches du auf dem Teller hast!“. Das betroffene Kind: „Ich auch!“
ADS-Kinder haben ein anderes Essverhalten als andere Kinder, ob sie nun mit Ritalin behandelt werden oder nicht. Mit Ritalin ist oft das Hungergefühl weniger ausgeprägt. Somit entschärft sich für das Kind die Situation, dass es essen möchte, aber (wegen der oben beschriebenen Empfindlichkeiten) nicht kann. Nur die Eltern versetzt dieser Umstand in einen Alarmzustand, da sie in der Gesellschaft nicht als „gleichgültige“ Eltern dastehen möchten, die ihre Kinder nicht „richtig ernähren“. Eigentlich schade, aber so sind immer noch die Ansichten in der Gesellschaft.
Hier einige Überlegungen und Ideen, wie man versuchen kann, auch heiklen Essern Freude und Appetit am Essen zu ermöglichen:
Ausschluss: Was nicht auf den Tisch kommen soll
Was darf ein Kind alles nicht essen, weil es eine Allergie oder Unverträglichkeiten hat? Es ist sinnvoll, einmal auf einem Blatt Papier diese Lebensmittel in verschiedene Gruppen zusammenzufassen:
-darf unter keinen Umständen gegessen werden!
-hat das Kind absolut nicht gerne!
-tut dem Kind nicht gut! (Ausschläge, Magenschmerzen, Übelkeit, Durchfall)
Vorlieben der Kinder
Dann gilt es, die Vorlieben der Kinder zu eruieren und diese Ideen zu sammeln.
Man kann auch die Kinder selbst einen Menuplan gestalten lassen für zwei Wochen. Diese sind meistens vielfältig wie auch kurios in der Zusammensetzung.
Speisenzubereitung
Genau nachfragen, wie denn die Speisen anhand der Kindervorlieben gekocht sein sollten. Soll das Gemüse noch knackig sein? Oder "al dente"? Oder weich? Oder auf der Zunge zergehend?
Würzen
Nachfragen wie es gewürzt sein sollte. Gar kein Gewürz (ist nicht mit fad zu vergleichen, viele Personen wissen nämlich gar nicht mehr, wie der Eigengeschmack einzelner Lebensmittel ist)? Mittelscharf oder scharf? Werden pulverartige oder gröbere Gewürze vertragen, die im Mundinnern bewusst wahrgenommen werden? Werden intensive frische oder getrocknete und nicht so ausgeprägte Duftkräuter bevorzugt? Salzig oder gar kein Salz? Vom Eigengeschmack her dominierende Lebensmittel mit einer Sauce geschmacklich überdecken?
Anrichten/Speiseabfolge
Dürfen sich die verschiedenen Lebensmittel auf dem Teller berühren oder nicht? Will das Kind lieber selber nacheinander seine Favoriten auf dem Teller portionieren? Soll nur je eine kleine Portion geschöpft werden, um nachher den Favoriten nochmals nachschöpfen zu können? Wäre es sinnvoll, nach dem Aufessen der Hauptspeise als Belohnung ein Dessert zu geben?
Je nach dem, wie sich die jeweilige Menu-Konstellation auf dem Teller präsentiert oder sich im Mund anfühlt, wird innert Sekunden entschieden, ob einem diese Mahlzeit ein gutes Esserlebnis vermittelt oder ob sie gar einen Brechreiz auslöst und dem Kind fast den ganzen Tag vermiest.
Flüssiges
Vor und während dem Essen nichts zu trinken geben. Statt dessen Getränke den ganzen Tag an einem sichtbaren Ort in der Küche oder auf dem Tisch bereit stellen mit verschiedenen Lieblingsfarben-Trinkgläsern bei mehreren Kindern, eventuell mit Trinkröhrchen in einem Gefäss griffbereit aufgestellt.
Ohrenbetäubende Geräusche
Es gibt Kinder, wie auch Erwachsene, die sehr geräuschempfindlich sind. Menschen, die ein stark empfindliches Gehör besitzen, sind nicht gerade zu beneiden. Sie hören zwar vieles im Voraus, welches andere erst später wahrnehmen, doch kann es auch belastend sein, weil es oft wie „Schmerzen im Kopf“ wahrgenommen wird. Um dem zu entrinnen, versuchen sich viele, von der Umwelt abzuschotten. Geräuschempfindliche Personen können sich aber sicher nicht immer einfach abschotten, gibt es doch einfach allgemeine Pflichten, die erledigt werden müssen.
Bei Tisch genügt es oft schon, dass ein Mitglied mit der Gabel unbeabsichtigt quietschend über das Porzellan kratzt. Meistens von einem Mitglied, das die Handmotorik nicht gut kontrollieren kann. Das Zerkauen von Müesli durch den Tischnachbar wird als laut empfunden, selber ein Müesli zu essen, empfindet das geräuschempfindliche Kind als „Steineabbruch“.
Ein fallen gelassenes Besteck wird wie ein Blitzeinschlag empfunden, begleitet teilweise gar von Ohrenschmerzen oder sofortiger Übelkeit. Kippt ein Glas um, so ist der Frust eigentlich nicht bei der verschütteten Flüssigkeit zu suchen, sondern beim Glas, das auf der Tischplatte aufschlägt und einem einen stechenden Schmerz ins Ohr versetzt. Das Zurechtrücken von Stühlen ist immer ein wiederkehrendes, total störendes Geräusch, das in die Ohren fährt.
All diese Geräusche gehen durch Mark und Bein, wie man so schön zu sagen pflegt. Das ganze Innere gerät durcheinander und muss immer wieder von Neuem stabilisiert werden mit einer ungeheuren Willenskraft, die irgend einmal zu erschöpfen droht.
Hat man eine Person am Tisch, die geräuschempfindlich ist, so ist dem Rechnung zu tragen. Viele dieser Personen sind gerne eine Zeit lang für sich alleine, um dem zu hohen Geräuschpegel nicht ausgesetzt sein zu müssen. Es ist nicht ihre Absicht, nichts mit der Familie zu tun haben zu wollen, sondern vielmehr sich in eine leisere oder geräuschlose Umgebung zurückziehen zu dürfen, um sich zu erholen.
Mit gewissen Utensilien kann gewissen lauten Geräuschen entgegengewirkt werden:
-Tischdecke auf dem Tisch, Nachteil = drei mal am Tag einen Wechsel.
-Teppich am Boden, Nachteil = Essensreste eingetrampelt, viele Flecken.
-Kunststoffbecher, Nachteil = Werden nicht von allen Kindern geschätzt.
-Filzunterlagen an die Stuhlbeine, Nachteil = hält nicht lange.
Tischgesellschaft/Mahlzeitbeginn und -ende
Etwas ist oft merkwürdig: kommen die Kinder nach Hause, jammern sie, sie hätten enorm Hunger. Ist das Essen nicht bereits auf dem Tisch, so verschwinden die Kinder, und plötzlich denkt niemand mehr ans Essen. Darum das Essen immer zur selben Zeit servieren oder in der Küche schöpffertig bereithalten, so dass jedes Kind sich selber bedienen darf.
Die Sitzordnung
... sollte so sein, wie sich die Kinder zum gegenseitigen Anschauen leiden mögen, d.h. jede/r sollte ein Familienmitglied anschauen können, zu dem er/sie sich hingezogen fühlt. Auch sollte der Platzanspruch und die Esskultur berücksichtigt werden: Ein korrekt essendes Kind neben einem spritzenden, Glas umwerfenden Kind, das das Besteck fallen lässt, ist nicht gerade eine ideale Konstellation.
Essbeginn erlauben
... wenn wirklich alle am Tisch sitzen, ausser ein Kind hat chronisch Verspätung wegen Trödelns, so dass darauf nicht mehr Rücksicht genommen werden muss. Jedes Kind sollte nach Beendigung des Essens aufstehen dürfen, um den Tisch zu verlassen. Natürlich mit seinen jeweiligen Essutensilien, die es sicher selbst in die Küche zu tragen vermag.
Gibt es einen Scherbenhaufen, dem Kind/Partner sagen, dass es nicht so schlimm sei. Hinweisen, wo sich das "Schüfeli mit Bäseli" befindet.
Erlebnisaustausch/Spannungsgeladene Atmosphäre
Jedes Kind sollte die Chance bekommen, irgendetwas zu erzählen, was es erlebt hat während seiner Abwesenheit von zu Hause in dieser grossen, abenteuerlichen Welt. Auch wenn dieses Erlebnis belanglos erscheint und nicht von allgemeinem Interesse ist. Kinder, die unter „Sprechdurchfall“ leiden, sollen so lernen, auch anderen zuzuhören. Ältere Kinder lernen, den jüngeren zuzuhören und diese ernst zu nehmen. Jüngere Kinder profitieren von den Erfahrungen der älteren Geschwister.
Um eine allfällige spannungsgeladene Totenstille zu lockern, weil die Kinder einander Gift geben könnten, kann im Hintergrund leise ein Radio spielen oder eine spannende Hörbuchgeschichte die angespannte Atmosphäre auflockern.
Elternpräsenz
Um dieses Essverhalten aufrecht zu erhalten, müssen die Eltern präsent sein, zum Essen selber ein normales Verhältnis haben und eine Vorbildfunktion wahrnehmen. Kinder zum Essen animieren gelingt sicher nicht gut, wenn die Eltern selber nicht mitessen oder sonst eine Ausrede parat haben, um nicht präsent sein zu müssen. Die Kinder finden dann auch gute Ausreden, um nicht essen zu müssen, wie etwa:
- schnell die Schulaufgaben noch erledigen
- ein klingelndes Telefon abheben
- den Kollegen noch unbedingt schnell etwas wahnsinnig Wichtiges fragen per Telefon
- der Katze zeigen, wo die Katzenklappe ist, obwohl diese natürlich schon längst weiss, wie diese funktioniert
- der Katze nachrennen, weil diese einen Vogel oder eine Maus ins Haus bringt (auch Katzen wollen nicht immer Büchsenfutter)
- unbedingt etwas Verlorengegangenes wieder finden
- einem fremden Hund nachspionieren, der doch hier nichts zu suchen hat
- die Fische füttern, weil diese sicher auch Hunger verspüren
Kein Hungergefühl was tun?
Kinder, die von ADS betroffen sind, fallen oft schon seit dem Säuglingsalter wegen ihres Essverhaltens auf. Dies wird von den besorgten Eltern häufig als beunruhigend wahrgenommen, möchten doch alle Eltern nur das Beste fürs Kind. Oft werden alle Vitamine mit ihren zugehörigen Nahrungsmitteln mehrmals pro Tag dem Kind eingetrichtert, in der Meinung, dass das gut sein müsse für die Entwicklung und das Wachstum.
Gemessen daran sollten wohl alle Kinder gegen zwei Meter hoch wachsen und strahlend poliert wie ein neues Auto aussehen. Stellen Sie sich das vor, wenn alle plötzlich nur noch mit Sonnenbrillen das Haus verlassen könnten, um nicht von seinen perfekt aussehenden Artgenossen geblendet, fast blind, durch die Gegend spazieren zu müssen!
Ich habe die besten Erfahrungen damit gemacht, wie gewohnt an den drei Mahlzeiten festzuhalten, wie es schon immer praktiziert worden ist:
-Morgenessen in Ruhe mit genügender Zeit.
-Mittagessen wenn möglich mit allen Familienmitgliedern.
-Abendessen gemeinsam, wenn dies die sportlichen Aktivitäten erlauben.
-zusätzlich ein Nachtessen für alle, die nach dem Ende der appetithemmenden Ritalinwirkung Kohldampf verspüren. Jetzt gilt es, den Kindern alles, was sie sehr gerne mögen, zur Verfügung zu stellen. Aber bitte nicht nur einseitig, sondern vielfältig. Um dem Essen zeitlich eine Grenze zu setzen, ist ganz klar festgelegt, ab wann nichts mehr gegessen werden darf. Das ist meistens mit dem zu Bett gehen um 23.00 Uhr. Ansonsten könnten die Kinder sich angewöhnen, die Nächte essend in der Küche zu verbringen mit einer stetigen Lärmbegleitung. Gewisse Lebensmittel regen auch den Organismus an, so dass ans Schlafen dann kaum mehr zu denken wäre.
Der Einfluss des Ritalins
Kinder mit ADHS, die sonst schon heikel und dünn sind, werden mit Ritalin noch weniger Hungergefühle haben (Ritalin wurde früher auch als Appetitzügler verschrieben). Der einzige Vorteil davon ist, das die leidigen Überempfindlichkeiten abnehmen. Dies auch deshalb, weil das Essen an sich wegen des fehlenden Hungergefühls nebensächlich wird.
Ritalin
... hat meiner Beobachtung nach oft einen Einfluss auf das Konsumverhalten, dies sowohl bei Kindern, als auch bei Erwachsenen: die Lust auf Süsses kann abnehmen, Erwachsene konsumieren weniger Kaffee oder Alkohol, um sich zu beruhigen, Heisshungerattacken (bis beinahe zum Erbrechen) verschwinden. Es gibt aber wohl auch Personen, bei denen Ritalin keine Veränderung des Essverhaltens zur Folge hat.
