Informationen zur Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS)

 

ADHS in der Schule

von Martin Winkler & Piero Rossi (2001)

Letzte Aktualisierung dieser Seite: 02.12.2008

ADHS - oder POS, MCD, HKS?
ADD steht für das englische "Attention-Deficit-Disorder" und bezeichnet ein klinisches Bild, welches primär durch erhebliche Beeinträchtigungen der Konzentration und Daueraufmerksamkeit, Störungen der Impulskontrolle sowie fakultativ motorischer Hyperaktivität oder innerer Unruhe gekennzeichnet ist. In diesen Fällen - also bei Vorliegen von starker Zappeligkeit und Impulsivität - wird von ADHD gesprochen. Das "H" steht dann für die Hyperaktivität. Im deutschsprachigen Raum wird für ADD/ADHD der Terminus ADHS verwendet.

ADHS kann bei Kindern und Jugendlichen u.a. Verhaltensauffälligkeiten, Lernstörungen, psychosomatische Beschwerden (z.B. "Bauchschmerzen") und zwischenmenschliche Probleme hervorrufen. Bei Jugendlichen und Erwachsenen kann ADHS ausserdem zu Depressionen, Angststörungen, Suchterkrankungen und anderen psychischen Störungen führen.
Im deutschsprachigen Raum werden für ADHS teilweise noch andere Begriffe verwendet (u.a.: Hyperkinetisches Syndrom: HKS, Infantiles psychoorganisches Syndrom: POS, Minimale cerebrale Dysfunktion: MCD).
In der deutschen Ausgabe des DSM-IV (dem international wichtigsten diagnostischen Manual für psychische Störungen) wird der Begriff ADHD verwendet. Allgemein wird für den deutschsprachigen Raum heute empfohlen, den Terminus ADHS zu verwenden.

Kinder mit ADHS in der Schule
Kinder mit einem Aufmerksamkeits-Defizit-Syndrom haben - mit oder ohne Hyperaktivität - häufig ganz erhebliche Lern- und Beziehungsprobleme in der Schule.
Die Mehrzahl der Eltern von ADHS betroffenen Kinder beobachten "Besonderheiten" ihres Kindes bereits in der Säuglingszeit, im Kleinkindesalter oder in der Vorschulzeit. Viele Mütter berichten, sie hätten früh schon gemerkt, dass ihr Kind "anders" sei. Hyperaktive Kinder machen sich teilweise sogar schon während der Schwangerschaft deutlich als 'hyperaktiv' bemerkbar. Oft zeigen ADHS-Kinder u.a. ein auffälliges Spielverhalten, motorische Koordinationsstörungen, ausgeprägte Trennungsängste, Überforderungsreaktionen, mangelnde Selbststeuerung und eine verzögerte Reifung.
Einige Eltern von Kindern mit ADHS erfahren aber das wahre Ausmass der Probleme ihres Kindes erst durch Rückmeldungen der Lehrer/Lehrerinnen, wenn diese sich aufgrund von Verhaltensauffälligkeiten gezwungen sehen, die Eltern zu kontaktieren.
Sich meist schämend, erfahren die Eltern dann über die Schwierigkeiten ihres Kindes in der Schule. Die Lehrer/-innen berichten u.a. von:
  • ungenügenden oder stark schwankenden Leistungen
  • störendem Verhalten gegenüber Mitschülern/-innen
  • wiederholten Verspätungen
  • Vergessen von wichtigen Unterlagen oder Aufgaben
  • häufigem Schuleschwänzen
  • drohender Versetzungsproblemen
  • Träumereien und ständiges "zum Fenster hinaus gucken"
  • ungenügender Schönschrift
  • angeblichen Seh- oder Hörstörungen (obwohl die Seh- und Hörfähigkeit ärztlich abgeklärt wurden und sich als unauffällig erwiesen)
  • fehlender Konzentration
Mit Gleichaltrigen können später Konflikte resultieren, die eine Aussenseiterrolle bedingen können und somit Anlass für reaktive aggressive Verhaltensmuster oder z.B. frühzeitigem Nikotin-, Alkohol- oder Drogenkonsum sein können.
Für die Lehrkräfte sind "verhaltensauffällige Kinder" in der Klasse, welche durch Unaufmerksamkeit, Ablenkbarkeit, trotzigem Verhalten und Impulsivität auffallen, eine besondere „Herausforderung“ - oder einfach nur ein Rätsel.
Ein Kind, das in der Schule durch wiederholtes Stören und Unterbrechen oder durch Träumereien und "Abwesenheit" auffällt, ist vielleicht also nicht „absichtlich“ ein Störenfried oder eine "Träumsuse", sondern leidet möglicherweise an einer behandelbaren neurobiologischen Störung namens ADHS.

Wenig bekannt ist, dass Menschen mit ADHS bei entsprechender Förderung sehr viele Kompetenzen und Entwicklungsmöglichkeiten haben. Um dieses Potenzial zu entwickeln, sind Therapeuten/-innen und Eltern jedoch massgeblich auf die Mithilfe von Lehrern und Lehrerinnen in der Therapie der ADHS angewiesen, so dass in der folgenden Übersicht einige Hinweise für den Umgang mit ADHS in der Schule zusammengestellt werden sollen. Sie richten sich speziell an interessierte Lehrer/-innen (bzw. auch Erzieher/-innen), aber natürlich auch an Eltern oder die betroffenen Schüler/-innen selbst.


Wie kann sich ADHS in der Schule zeigen?
Eines gleich zu Beginn: Natürlich ist nicht jede Verhaltensauffälligkeit eines Schülers oder einer Schülerin mit motorischer Unruhe, Ablenkbarkeit oder Vergesslichkeit auf eine ADHS zurückzuführen. Würde man ADHS lediglich durch „störendes Verhalten“ oder durch Unaufmerksamkeit definieren, so würde man der Komplexität dieses Syndroms in keinem Fall gerecht.
Von dem Syndrom ADHS spricht man erst, wenn sich definierte klinische Symptome (gemäss DSM IV oder ICD F90) in einem deutlich stärker ausgeprägten Ausmass als bei vergleichbaren Schülern der Altersgruppe nachweisen lassen.
Nicht die blosse Existenz von definierten "ADHS-Symptomen" ist also für die Diagnose ausschlaggebend, sondern auch deren Ausprägungsgrad. Die Problematik darf sich - sollte es sich um ADHS handeln - durch Änderung einfacher möglicher Ursachen bzw. Umgebungsbedingungen (z.B. Fach- bzw. Lehrerwechsel) nicht beheben lassen. Sie muss von überdauerndem Charakter sein und zu erheblichen Folgen für den Schüler/die Schülerin führen. Ausserdem können die ADHS bedingten Probleme zu einer Belastung für Klassenverband und die Lehrer/-innen werden.
ADHS-Kinder bilden - trotz gemeinsamer Primärsymptome - eine sehr heterogene Gruppe, die sich aber im allgemeinen durch ein hohes Mass an..
  • Impulsivität,
  • Aktivitätsdrang,
  • Unaufmerksamkeit,
  • die Unfähigkeit, ihr Verhalten situationsadäquat anzupassen
  • und/oder - im Sinne eines Reizschutzes - durch übermässige Bravheit, Schüchternheit und Ängstlichkeit
...charakterisieren lässt. Wahrscheinlich bildet dabei die Impulsivität, bzw. die mangelnde verhaltensbezogene und/oder kognitive (=mentale oder gedankliche) Selbstkontrolle das Kernproblem der ADHS-Schüler/-innen.
Allerdings kann sich dieses Kernproblem sehr unterschiedlich darstellen und ist natürlich auch wesentlich von motivationalen Faktoren, situativen Gegebenheiten und familiären Umständen abhängig. Auch ein ADHS-Kind kann also durchaus „warten“, wenn er/sie es möchte. Allerdings mit einem sehr viel höheren Aufwand an „Selbstkontrolle“, so dass wiederholte „Verstösse“ bei Unachtsamkeit, bzw. scheinbar „unwichtigen“ Situationen resultieren.

Schüler/-innen mit ADHS müssen sich also oftmals ungleich mehr anstrengen als die Mitschüler/-innen, um „nicht aufzufallen“ und um den Erwartungen Dritter gerecht zu werden.
 

Fälschlicherweise wird häufig mangelnde Motivation oder aber Widerspenstigkeit und Faulheit als die eigentliche Ursachen der Probleme in der Schule angenommen. Verkannt wird meist, dass diese Kinder auf Grund ihrer ADHS-Disposition nicht "nicht wollen", sondern oftmals "nicht können" bzw. durch die Scheiternserfahrungen und Demütigungen stark entmutigt sind.
Um ein weiteres häufiges Missverständnis auszuräumen: Auch Kinder mit ADHS könne sich sehr wohl bei sehr interessanten Dingen (etwa "Playstation" oder Computergames, aber auch bei sie interessierenden Themen) sehr gut und lange konzentrieren (ja sogar „hyperfokussieren“ ). Meist gelingt es ihnen aber nicht, auf Aufforderung hin, Leistungen zu erbringen. Auch fällt es ihnen oft schwer, flexibel von einer Aufgabe zur anderen zu wechseln. Besonders kann dies auch bei mündlichen Aufgaben auffallen, wenn die Schüler trotz offensichtlicher Kenntnis des Gefragten keine Antwort geben können. Dies kann zu Versagensängsten führen.
Als ein Leitsymptom der ADHS fällt dabei den Pädagogen/-innen zumeist auf, dass die Kinder nicht ihr eigentliches Leistungspotential umsetzen können. Hierbei ist es nicht selten so, dass die betroffenen Schüler/-innen in einzelnen Fächern geradezu hervorragende Beiträge von ungewöhnlicher Originalität liefern, jedoch in anderen Bereichen rapide abfallen oder durch „unerklärliche“ Leichtsinnsfehler auffallen.
Manche Kinder mit ADHS fallen ab der Grundschule durch Lese- oder Schreibunlust (bzw. extreme Langsamkeit) auf, oder durch isolierte Teilleistungsschwächen im Bereich der Mathematik oder z.B. durch schlechte koordinative Leistungen (z.B. beim Schreiben oder im Sport). Auffallend viele Kinder mit ADHS leiden ausserdem auch an einer Legasthenie, einer Dyskalkulie und/oder an minimalen cerebralen Bewegungsstörungen.
Selbst Fachpersonen verkennen immer wieder, dass auch ein auffallend zurückgezogener Schüler (häufig sind es Mädchen) mit starker Ablenkbarkeit bzw. Tagträumerei an einer (meist nicht erkannten) ADHS leiden kann. Diese Kinder scheinen alles andere zu tun und zu denken, als dem Unterrichtsstoff zu folgen. Die "Träumsuse" und der "Hans Guck-in-die-Luft" scheinen mit ihren Gedanken gleichzeitig „überall und nirgends“ zu sein ("mentale Hyperaktivität" als Folge ungenügender Inhibition von Stimuli). Dieser sog. „unaufmerksame Typus“ der ADHS ist weniger bekannt und fällt häufig erst in späteren Schuljahren auf, wenn mehr Anforderungen an die eigene Strukturiertheit und die Selbstorganisation gestellt werden. Gemäss DSM IV ist bei der Diagnose ADHS das "H" fakultativ.
Somit muss sich ein „hyperkinetisches Syndrom“ (bzw. eine ADHS ohne "H") keinesfalls bereits in der Grundschule manifestieren, sondern kann auch erst in höheren Klassenstufen problematisch werden.
Intelligente und hochbegabte Kinder und Jugendliche sind von den Auswirkungen der ADHS oftmals schwerwiegender betroffen, als durchschnittlich oder leicht minderbegabte Kinder. Sie können - dank ihrer Intelligenz - längere Zeit sich selbst besser anpassen und mehr oder weniger geeignete Strategien im Umgang mit der Ablenkbarkeit oder Konzentrationsstörung entwickeln. So fallen sie den Lehrern und Lehrerinnen nicht weiter auf. Ausserdem lernen sie spielend und sind mit monotonen und reizarmen Lernsituationen ("büffeln") oftmals erst in der Oberstufe oder im Gymnasium konfrontiert. Dann aber können sich die Konzentrationsstörungen rasch und deutlich bemerkbar machen und zu starken Selbstwertkrisen führen. Dann "rächt" sich, dass diese Kinder ob ihrer hohen Intelligenz nie Hausaufgaben machen und lernen mussten.
Intelligente Kinder nehmen ausserdem die kognitiven Schwierigkeiten und Lernstörungen viel bewusster wahr, als weniger intelligente ADHS-Kinder. Sie schämen sich stärker, machen sich nicht selten erhebliche Selbstvorwürfe, setzen sich zusehends selbst unter Druck und entwickeln oftmals grosse Ängste vor Prüfungssituationen.
Da sie nur unter Druck lernen können (etwa auf der morgendlichen Bahn- oder Busfahrt zur Schule), stehen sie zunehmend unter Stress. Den Verfassern dieses Artikels sind Fälle von (unerkannten und unbehandelten) begabten ADHS-Kindern bekannt, bei denen die Scheiternserfahrungen, die Prüfungsängste und die starke Scham zu Suizidhandlungen, psychischen Dekompensationen mit Hospitalisationen in psychiatrischen Kliniken oder zur Entwicklung von phobischen Angststörungen führten.

Welches sind die Ursachen der Aufmerksamkeits- und Hyperaktivitätsstörung?
Heute geht man davon aus, dass primär eine neurobiologische Besonderheit im Neurotransmitterhaushalt (Botenstoffe des Gehirns) für die Symptomatik der ADHS verantwortlich ist. Hierbei ist besonders die Filterung bzw. das 'Abbremsen' (Inhibition) von externen und internen Stimuli betroffen.
In der überwiegenden Mehrzahl ist dabei von einer angeborenen Prädisposition (Veranlagung) auszugehen. Seltener können Schwangerschaftskomplikationen oder Unfälle/Hirnentzündungen eine ähnliche Symptomatik auslösen. Entgegen früherer Vorstellungen haben Fehlernährungen (etwa Zucker oder Phosphate, Süssstoffe) keinen entscheidenden Einfluss auf die Entwicklung und den Verlauf der ADHS (auch wenn in Einzelfällen eine Beeinflussung nicht ausgeschlossen werden kann).

Welchen Einfluss hat das soziale Umfeld und die Erziehung?
Wie zuvor dargestellt, geht man in der internationalen wissenschaftlichen Diskussion heute davon aus, dass es eine biologische Veranlagung gibt, welche man als eine erhöhte Gefährdung für die Entwicklung von negativen Folgen einer ADHS sehen kann. Aber es können auch die Lebensumgebung, sowie Reaktionen und Verhaltensweisen von Bezugspersonen (also eben auch der Lehrer/-innen) entscheidend dafür sein, ob sich ein positiver oder eher ein negativer Verlauf ergibt. Man geht aber davon aus, dass ein ADHS-Kind aufgrund seiner Informationsverarbeitungsproblematik eben gerade besonders sensibel auf solche negativen Einflüsse reagiert.
Da man von einer genetischen Prädisposition (Veranlagung) der ADHS ausgeht, sind häufig auch weitere Familienmitglieder Symptomträger - wenn auch oftmals unerkannt. Hierbei ergibt sich die ungünstige Konstellation, dass einerseits die Eltern bereits im Säuglingsalter mit Verhaltensauffälligkeiten wie Unruhe und Hypersensibilität (häufige Unruhe, Schlafstörungen, Hypersensibilität, Infektanfälligkeit) des Kindes konfrontiert werden, bei denen übliche Erziehungsregeln versagen. Andererseits kann auch bei den Eltern eine erhöhte Reizbarkeit und Impulsivität bis hin zu aggressiven Verhaltensstörungen vorliegen. Übliche soziale Lernerfahrungen bei den ADHS-Kindern unterbleiben häufig, da Wahrnehmung und Verhaltenskontrolle durch das Syndrom eingeschränkt sein können.
Auch die Geschwister können unter dem häufig grenzverletzenden Verhalten, den Aggressionen, durch eine Vernachlässigung seitens der Eltern oder frühzeitige Verantwortungsübernahme für ihre Geschwister psychisch beeinträchtigt werden. Dies kann dann nicht nur für das eigentlich betroffene ADHS-Kind, sondern auch für Geschwister Verhaltensauffälligkeiten bedingen, die manchmal als „Pseudo-ADHS“ imponieren können.

Wieso setzt man Stimulanzien (z.B. Ritalin) ein und was ist dabei zu beachten?
Vielleicht das derzeit grösste Problem für Kinder mit ADHS (bzw. deren Eltern) ist es, dass die medikamentöse Behandlung dieses Syndroms auf Unverständnis, ja häufig auf massive Ablehnung stösst.
Zweifellos sollte der Einsatz von zentralnervös wirksamen Medikamenten bei Kindern und Jugendlichen mit grosser Vorsicht und nur nach Verordnung durch einen Arzt erfolgen. Angesichts der zunehmenden Verbreitung einer - häufig völlig unkontrollierten - Medikamenteneinnahme mit vermeintlichen „Leistungssteigern“, „Beruhigungspillen“ oder „Angstlösern“ wie Benzodiazepinen oder gar Neuroleptika, ist hier sicherlich eine gesunde Skepsis angebracht.

Typische Vorurteile gegen die Behandlung mit Ritalin lauten etwa:
  • Ritalin ist eine "Psychodroge", die unliebsame Störungsfriede ruhig stellen soll, quasi eine „Pille für den Störenfried“. Diese „Argumente“, werden direkt und häufig auch indirekt durch Vertreter der Scientology-Sekte oder diversen Esoterikanhängern vertreten.
  • Ritalin ist eine „Gewaltpille“, die aggressives bzw. unkontrolliertes Verhaltens auslöst.
  • Ritalin ist ein Aufputschmittel, welches ehrgeizige Eltern ihren Zöglingen unterjubeln.
  • Ritalin ist der verzweifelte Versuch, eine missratene Erziehung durch Pillen zu kaschieren.
  • Ritalin ist die Entschuldigung für schlechte Schulleistungen oder flegelhaftes Benehmen.
  • Ritalin wird viel zu häufig und unbedacht verschrieben und ist hinsichtlich Langzeitfolgen (Wachstumsverzögerungen, Entwicklungsstörungen) nicht vertretbar.
  • Ritalin macht abhängig und ist der Einstieg in eine spätere Drogenkarriere oder bahnt zumindest einem lebenslangen Medikamentenmissbrauch den Weg, ja es sei quasi die Verordnung von Speed oder Ecstasy „auf Krankenschein“.
Alle diese Vorurteile sind längst durch sehr umfangreiche Studien und Verlaufskontrollen bis in das Erwachsenenalter widerlegt. Wissenschaftlich gesehen gilt heute die Behandlung der ADHS bzw. Hyperkinetischen Syndroms mit Stimulanzien als die sicherste und erfolgversprechendste Therapieoption, die, im Sinne eines multimodalen Therapieansatzes, die Grundlage für die erfolgreiche Anwendung, z.B. verhaltenstherapeutisch orientierter Therapieprogramme bietet.
Ritalin (Methylphenidat) ist ein zentralnervös (d.h. im Gehirn) wirksames Medikament, das zu den sog. Stimulanzien gezählt wird. Besonders in den 70er Jahren wurden Stimulanzien tatsächlich - geraucht oder aufgelöst als Injektion - von Drogenabhängigen missbraucht. Hierzu sind jedoch sehr viel höhere Dosierungen notwendig, als sie in der Therapie eingesetzt werden. Würde Ritalin sich als Suchtmittel praktisch eignen, wäre dieses Medikament längst in den Drogenszenen und -Schwarzmärkten etabliert. Im Gegensatz zu Benzodiazepinen (z.B.: Rohypnol) ist Ritalin in der Drogenszene aber nicht erhältlich, bzw. auch gefragt.

Eine Abhängigkeitsentwicklung bei kontrollierter Verschreibung ist aber nicht zu befürchten: Berichte über einen Missbrauch (in extremer Dosierung bzw.  als Rauchen von Ritalin) beschränken sich auf wenige Einzelfallberichte. Dagegen liegen Hunderte von Untersuchungen vor, welche die positiven Wirkungen von Ritalin belegen. Dabei wirken Stimulanzien bei Menschen mit ADHS keinesfalls euphorisierend, sondern haben häufig eher einen dämpfenden Effekt - nicht selten auch mit einer zunächst eher niedergeschlagenen Stimmung. Die verbesserte Aufmerksamkeits- und Konzentrationsleistung ist primär dann nicht auf einen „Weckeffekt“, sondern mit einer verbesserten Filterfunktion unnötiger Wahrnehmungen, Gefühle und Gedanken bei einer verminderten Ablenkbarkeit zu erklären.
Um einem Missbrauch vorzubeugen, werden heute Stimulanzien unter die betäubungsmittelpflichtigen Substanzen gestellt und sind nur nach sorgfältiger Indikationsprüfung und Kontrolle durch eine(n) Arzt/Ärztin über gesonderte BTM-Rezepte erhältlich. Dies ist aber nicht auf eine besondere Gefährlichkeit dieses Medikamentes zurückzuführen, sondern bezieht sich auch auf die in Stimulanzien enthaltenen Wirkstoffe.

Sollten Lehrer von der Medikamenteneinnahme wissen?
Viele Eltern überlegen, ob sie die Schule von der medikamentösen ADHS-Behandlung ihres Kindes informieren sollen. Sie befürchten einerseits eine Stigmatisierung aufgrund der Medikamenteneinnahme, andererseits aber auch eine überkritische Beurteilung der Verhaltensweisen des Schülers bzw. Überreaktionen des Lehrkörpers.
So kann es beispielsweise vorkommen, dass ein Lehrer oder eine Lehrerin selber dem Schüler rät „noch eine Pille mehr zu nehmen“, damit er endlich aufmerksamer oder ruhiger ist. Das ist natürlich wenig zielführend, zumal der Schüler so vor seinen Klassenkameraden als „Pillenjunkie“ stigmatisiert wird und die alleinige Zuschreibung auf die Medikation sicher unfair ist.
Ideal wäre sicher die Zusammenarbeit von Schüler/-in, Eltern, Lehrer/-in und behandelnden Therapeuten/-innen, um eine ideale Anpassung der Medikation, bzw. Überprüfung verhaltenstherapeutischer Massnahmen zu erzielen. Hierzu eignen sich u.a. Beobachtungsbögen für Lehrer (z.B. von Conners) oder Rückmeldebögen an die Eltern für den Verlauf der Symptomatik.

Was tun wenn die Lehrer/-innen (Erzieher/-innen etc.) keine Medikamentenausgabe überwachen wollen oder eine Medikamenteneinnahme durch Schüler/-innen ablehnen?
Aufgrund einer kurzen Halbwertszeit (Wirkdauer) des Medikamentes Ritalin von 3- 6 Stunden sind bei vielen ADHS-Schüler/-innen auch in der Schulzeit (bzw. in Tageshorten etc.) eine Medikamenteneinnahme erforderlich.
Leider hören wir immer wieder von Pädagogen/-innen, die die Kontrolle der Einnahme bzw. Ausgabe von Medikamenten prinzipiell verweigern. Sie seien hierfür nicht zuständig oder lehnten dies aus den unterschiedlichsten Gründen ab. Diese Haltungen sind aus unserer Sicht sehr problematisch:
Man würde sicher ja auch einem Diabetiker seine Insulinspritze nicht verweigern. Oder: Kein kurzsichtiger Lehrer würde dem Schulleiter am Morgen vor Unterrichtsbeginn seine Kontaktlinsen oder seine Brille an der Schultür abgeben, um „quasi“ orientierungslos durch die Schule zu wandeln, nur um keine „unerlaubten“ Hilfsmittel zu benutzen.

Es kann versucht werden, mit dem Lehrer/der Lehrerin und ggf. auch der Schulleitung, in ein Gespräch zu kommen und sich zunächst über allfällige Vorbehalte der Lehrer zu informieren. Nicht selten kann man sie durch Informationsvermittlung und/oder das Angebot eines Attestes/Zeugnisses eines Arztes oder eines Psychologen, oder ein Telefonat mit dem behandelnden Therapeuten bereits entkräften. Nützlich zur Informationsvermittlung kann u.a. auch das ADHS-Merkblatt von ADD-Online sein. Eine Informationsstunde für die Lehrerschaft, durchgeführt durch eine spezialisierte ADHS-Fachperson oder eine(n) Experten/-in einer Selbsthilfegruppe, kann ebenfalls sehr hilfreich sein.

Nicht immer gelingt es, dass das Kind selbst die Medikamenteneinnahme regelt. Hier können spezielle Medikamentenkästchen mit Pieper oder eine fesche Uhr mit Mehralarmfunktion an die Einnahme erinnern. Das ADD-Warehouse in den USA führt in ihrem Sortiment eine Uhr, welche unkompliziert für die Erinnerung an verschiedenste Tätigkeiten eingestellt werden kann (Artikel WM10 $99.50). Sie ist natürlich auch für Erwachsene bestens geeignet. Conrad-Electronic bietet ebenfalls günstige Pillendosen mit elektronisch einstellbarem Erinnerungspiepser an.

Eine Alternative kann die Umstellung auf die retardierte Form des Ritalin sein, die eine längere Wirkdauer hat. Leider bietet dieses Präparat aber hinsichtlich der Wirksamkeit bei vielen Betroffenen gewisse Nachteile, die somit den Einsatz limitieren. Es kann den Einsatz der herkömmlichen Form nicht immer ersetzen. Einige Ärzte stellten daher auf Pemolin (z.B. Tradon) um. Leider ist dieses Präparat aufgrund des potentiellen Nebenwirkungsprofils letztlich nicht mehr für die Behandlung der ADHS im Kindesalter zu empfehlen. Möglicherweise bieten dann bestimmte Antidepressiva (z.B. Buspar, ggf. Venlafaxine (Effexor) oder Aurorix eine Alternative).

Wie sieht die ideale Schule für den „Hypie“ aus?
Immer wieder überlegen sich Eltern, ob sie ihre Sprösslinge nicht in eine spezielle Schule oder gar Internat schicken sollen, wenn durch ADHS oder Verhaltensauffälligkeiten Probleme resultieren. Wenn zu grosse Probleme und (leider) entsprechende Vorurteile von Seiten der Lehrer, Mitschüler etc. bestehen, kann dies tatsächlich ein notwendiger Schritt sein. Aber auch, wenn von einigen Lehrern/-innen wird (leider oftmals vorschnell) eine Versetzung in eine niedrigere Schulform oder evtl. Sonderschule gefordert wird, wenn Konflikte im Unterricht resultieren. Hier sollte unbedingt vorher eine schulpsychologische Diagnostik (mindestens der Intelligenz und der Daueraufmerksamkeit, aber auch von Teilleistungsschwächen) durch eine(n) in ADHS erfahrene(n) Psychologen/in (bzw. Arzt/Ärztin) erfolgen!
Zweifellos könnten spezielle Fördermassnahmen, die auf ADHS abgestimmt wären, eine Lösung sein (Nein, uns sind keine solchen Einrichtungen bekannt. Wer welche kennt - bitte melden!).

Grundsätzlich ist die Integration in einen herkömmlichen Klassenverband in einer normalen Schule (d.h. in der relativen Nähe zur Wohnung der Eltern, Freundeskreis) die beste Lösung. Manche Eltern überlegen aber, ob nicht z.B. ein Waldorf-Konzept besser für Hypies geeignet ist. Zweifellos können kleinere Klassenverbände und ein auf die individuellen Fähigkeiten des Schülers bzw. der Schülerin abgestimmte Bedingungen sehr nützlich sein. Problematisch kann dann aber der Übergang in spätere „normale“ Ausbildungs- bzw. Studiengänge sein, da dann erst recht spezielle Anforderungen an eigene Strukturiertheit bzw. Selbstorganisation gestellt werden. Vermutlich gibt es also die ideale Schule nicht.

Gut wäre, wenn Lehrer/-innen bereit wären, mehr über ADHS zu lernen, ohne gleich eine Sonderrolle des ADHS-Schülers bzw. der ADHS-Schülerin in allen Bereichen fordern zu müssen. „Normale“ moderne Pädagogikmassnahmen eignen sich in aller Regel schon prima für einen Unterricht, von dem auch der Hypie profitiert. Dabei sollte der Lehrer bzw. die Lehrerin (z.B. über kurze telefonische Kontakte) mit den Eltern im Kontakt über die Entwicklung des Schülers/der Schülerin bleiben. Hierzu kann man auch gut kurze Mitteilungskarten entwickeln, die positive Veränderungen (Beteiligung am Unterricht, Erledigung von Hausaufgaben, soziales Engagement wie auch negative Aspekte, Störungen, Verspätungen, Vergesslichkeit) stichpunktlistenartig anfügt. Hierdurch lassen sich dann Fortschritte bzw. notwendige Veränderungsschritte für beide Seiten transparenter machen.
Interessant in diesem Zusammenhang sind interkulturelle Vergleiche über Lehrmethoden in verschiedenen Ländern. Thom Hartman weist dabei in seinen Vorträgen darauf hin, dass eine Zusammenfassung des Unterrichtsstoffes zu Beginn des Unterrichts (5-10 Min.) und anschliessende Erarbeitung des Themas in Kleingruppen ideal sei. Hierbei sollen die „Schnelllerner“ das Thema ihren Klassenkameraden vermitteln. Hierdurch wird nicht nur inhaltlich ein effizienter Lernstil erreicht, sondern vor allem auch soziale Kompetenzen und Kommunikationsfähigkeiten für alle Schüler entwickelt.

Wo mit Veränderungen beginnen?
Auch in der Arbeit mit Kindern mit ADHS ist es wichtig, sich genaue Zielsetzungen für Verhaltensänderungen zu setzen. Hierbei werden häufig jedoch zunächst störende Verhaltensweisen (z.B.: unerlaubtes Aufstehen und Umherlaufen im Unterricht, Zeichnen oder Nesteln mit Stiften, Kippeln auf Stühlen oder Hineinplatzen) in den Mittelpunkt gestellt bzw. durch Ermahnung / Bestrafungen sanktioniert. Wie Untersuchungen aus den 70er Jahren nachweisen, sind diese, direkt auf das Störverhalten ausgerichteten Massnahmen, zwar wirkungsvoll zur Reduktion von Störungen, haben jedoch entgegen den Erwartungen der Forscher keinen positiven Einfluss auf die akademische Leistungsfähigkeit des Kindes. Natürlich heisst das nun aber nicht, dass man auf stark störendes Verhalten – wie etwa anhaltende Gewaltanwendungen, ständige Albernheiten oder Störungen anderer Art - nicht reagieren soll.
Werden hingegen Massnahmen getroffen, welche eher die Arbeitsproduktivität verbesserten, trat nicht nur ein indirekter positiver Effekt auf die Reduktion von störendem Verhalten im Unterricht ein, sondern auch eine Entwicklung von positiven Ressourcen der Schüler mit einem deutlich besseren Leistungsverhalten.

Sollten Lehrer/-innen Eltern auf ein mögliches ADHS ihres Kindes ansprechen?
Aus meiner alten Grundschule habe ich (Martin Winkler) von einem erheblichen Aufstand der Eltern gehört, als ein engagierter Lehrer die Eltern eines Schülers auf die starke innere Unruhe und Ablenkbarkeit ansprach. Neben der Beratung durch einen Schulpsychologen, schlug dieser Lehrer die Vorstellung bei einem Kinder- und Jugendpsychiater zur Diagnose und etwaigen Behandlung einer ADHS mit Ritalin vor. Der Konflikt eskalierte so sehr, dass dabei sogar die Suspendierung des Lehrers gefordert wurde, da dies nicht mit einer pädagogischen Verantwortung zu vereinbaren sei.
Lehrer/-innen sind für die Erkennung und den späteren Diagnostikprozess von entscheidender Bedeutung. Im Gegensatz zum häufig ja unstrukturiertem Umfeld zu Hause, zeigen sich die Kompetenzen bzw. Einschränkungen des ADHS-Kindes im Bereich Ablenkbarkeit und Aufmerksamkeit häufig erst im Unterricht. Das gilt in erster Linie für ADHS-Betroffene ohne Hyperaktivität.

Wer sich als Elternteil erstmals mit ADHS beschäftigt, wird leicht durch Presseberichte oder „falsche“ Selbsthilfegruppen verschreckt und sucht händeringend nach einer „sanften“ Lösung. Eltern hören meist ungern, dass ihr Kind ein „Störenfried“ sei oder in der Schule nicht mitkomme. Nicht selten sind dies Eltern, die aufgrund eigener und teilweise erheblicher Schulprobleme (bei einem nicht erkannten ADHS!) sich während der Schulzeit extrem zusammenreissen mussten und sich jetzt eine „bessere“ Karriere ihres Kindes in der Schule wünschen. Mit der vermeintlichen Etikettierung als verhaltensauffälliges oder lerngestörtes Kind sehen sie eine Brandmarkung und Ausgrenzung, die sie nicht selten selbst haben erfahren müssen.
Erst mit zunehmendem eigenen Engagement und Auseinandersetzung mit ADHS, sowie durch Feststellung der Therapieerfolge, werden fast alle Eltern von einer initialen „contra-Ritalin“-Haltung zu oft vehementen Befürwortern dieser Behandlung.

Allerdings sollten die Pädagogen/-innen beim Ansprechen der Problematik auf die zunächst ablehnenden bzw. skeptische Haltung der Eltern vorbereitet sein. Hier helfen häufig Informationsvermittlung (z.B. das oben bereits erwähnte ADHS-Memo) sowie Adressen von kompetenten Ansprechpartnern einer Selbsthilfegruppe, spezialisierten Kinderärzten/-ärztinnen, Psychiatern/Psychiaterinnen bzw. Psychotherapeuten/-innen.
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