Umgang mit und Behandlung von Kindern und Jugendlichen mit ADHS
von Martin Winkler und Piero Rossi (2001)
Letzte Aktualisierung dieser Seite: 02.12.2008
Die folgenden Empfehlungen
sollen in Form einer orientierenden Übersicht Hinweise zu
unterschiedlichen nicht-medikamentösen Behandlungsmöglichkeiten eines
Aufmerksamkeits-Defizit-Syndroms mit oder ohne Hyperaktivität geben.
Sie beruhen auf wissenschaftlich
belegbaren Empfehlungen, insbesondere aus den USA, stellen aber keine
allgemeingültige Richtlinie, sondern lediglich eine Handlungsempfehlung
dar. Sie ersetzen keine individuelle Behandlung durch hierfür
spezialisierte Kinder- und Jugendpsychiater/-innen bzw. Kinder- und
Jugendpsychologen/-innen.
1. ADHS - Diagnose
Grundlage für die weiteren Handlungsempfehlungen ist eine abgesicherte
Diagnosestellung, die nach den diagnostischen Richtlinien (DSM-IV
bzw.ICD-10) durch einen hierin erfahrenen Arzt bzw. eine Ärztin oder
ggf. durch eine/n spezialisierte/n Psychologen/-in erfolgen sollte. Sie
beinhaltet selbstverständlich auch die Berücksichtigung von eventuell
gleichzeitig (komorbid) auftretenden Erkrankungen bzw. Lernstörungen.
Dies ist u.a. auch deshalb so
entscheidend, um kurzfristige krisenhafte Zuspitzungen im Rahmen von
persönlichen bzw. familiären Problemen, Krankheiten etc., von den
neurobiologisch bedingten Störungen der ADHS abgrenzen zu können und
hieraus abgeleitet geeignete Therapieempfehlungen abzuleiten.
Die Diagnostik und Therapie der
ADHS bei ALLEN Familienangehörigen, sowie die Behandlung etwaiger
komorbider Störungen (Depressionen, Ängsten, Zwängen,
Persönlichkeitsstörungen, Substanzmittelmissbrauch oder Abhängigkeiten)
beider Eltern, bildet die eigentliche Grundlage für eine erfolgreiche
Behandlung des Kindes bzw. Jugendlichen.
Aus Verlaufsuntersuchungen weiss
man, dass bei ADHS aufgrund einer starken genetischer Prädisposition
häufig auch Eltern, bzw. weitere Geschwister betroffen sind.
2. Multimodaler
Behandlungsansatz
In der Regel sollten in der
Behandlung der ADHS verschiedene Fachbereiche (Medizin, Psychologie,
Pädagogik, Sozialarbeit) sowie weitere Berufsgruppen (z.B.
Ergotherapeuten/-innen, Logopäden/-innen, Krankengymnasten/-innen) im
Sinne eines sog. multimodalen Behandlungsansatzes gleichzeitig
zusammenarbeiten.
Hierbei sollte idealerweise ein/e
hierin kompetente/r Hausarzt bzw. Hausärztin (oder ein/e Kinder- und
Jugendpsychiater/-in oder ein/e qualifizierte/r Psychologe/-in) die
verschiedenen Interventionen der Diagnostik, therapeutische
Interventionen und Überprüfung der Behandlungsresultate koordinieren und
den kollegialen Austausch von Informationen der verschiedensten
Berufsgruppen ermöglichen.
3. Aufklärung und
Unterrichtung von Schlüsselpersonen
Nach der Diagnosestellung ist es
ausgesprochen wichtig, (zumindest) die Eltern, das Kind, sowie die
Lehrer/-innen über die Besonderheiten der
Aufmerksamkeits-Defizit-Störung zu informieren und allfällige Fragen zu
klären.
Für die Eltern sollten
Informationen über die neurologische Grundlage des Syndroms, typische
Ausprägungs- und Verlaufsformen und die Auswirkungen auf vorherige und
aktuelle Probleme des Kindes erfolgen.
Zusätzlich sollte die weitere
Prognose und Möglichkeiten der Behandlung vermittelt und ausreichender
Raum für Fragen geboten werden.
Hierbei sollten nach Möglichkeit
insbesondere auch auf schulische Belange Rücksicht genommen und bei
Bedarf auch Kontakt zu Lehrern/Lehrerinnen aufgenommen werden.
Das betroffene Kind sollte
entsprechend seinem Entwicklungsstand angemessen informiert werden,
wofür kindgerechte Metaphern und Beispiele eingesetzt werden. Hierbei
sollte man vermeiden, ADHS als "unheilbare Störung" oder "psychische
Krankheit" darzustellen. Vielmehr sollten nicht nur die möglichen
Schwierigkeiten, sondern auch vorhandene Fähigkeiten und Stärken
diskutiert werden.
Bei Lehrern oder Erziehern kann
man nicht unbedingt profunde Kenntnisse über ADHS voraussetzen. Dies
gilt besonders für Subtypen der ADHS, wie dem unaufmerksamen Typ, sowie
komorbiden Lernstörungen. Daher sollten Eltern versuchen, auf die im
Schulalltag auftretenden Problembereiche bezogene Informationen über
ADHS und deren Behandlung zu vermitteln.
Es kann somit von wesentlicher
Bedeutung sein, Lehrer über die gestellte Diagnose ADHS (bzw.
hyperkinetisches Syndrom des Kindesalters, Hyperaktivitätssyndrom etc.)
zu informieren, anstatt aus vermeintlicher Rücksicht auf etwaige
Nachteile für das Kind, die Diagnose in der Schule zu verheimlichen.
Im Idealfall erfolgt durch die
Schule nach der Aufklärung der zuständigen Personen eine Unterstützung,
z.B. auch bei der Einnahme einer etwaigen Medikation (leider kann dies
jedoch nicht überall realisiert werden). Mit entsprechenden Vorbehalten
muss man derzeit häufig leider rechnen, zumal hyperaktive Kinder bzw.
Kinder mit aggressiven Verhaltensstörungen häufig als "Problemfälle" mit
vielen Verwarnungen, Schulschwänzen usw., sehr unbeliebt beim
Lehrpersonal sind (siehe auch Abschnitt 6).
4. Behandlungs- bzw.
Informationsangebote für die Eltern
Eltern-Selbsthilfegruppen: In
entsprechenden regionalen oder überregionalen Selbsthilfegruppen (z.B.
des Bundesverbandes Hyperaktivitäts- und Aufmerksamkeitsstörungen in
D-Forchheim oder der Selbsthilfegruppe ELPOS für die CH) können Eltern
durch Vorträge, Informationsschriften und Bücher, sowie durch andere
Medien (wie etwa das Internet) mehr über ADHS lernen und sich durch
emotionalen Zuspruch und Kommunikation gegenseitig unterstützen.
Hierzu bieten teilweise auch
niedergelassene Ärzte/-innen oder Krankenhäuser entsprechende Angebote
an.
Eltern-Training und gezielte Erziehungsberatung:
Um das Verhalten des Kindes
positiv und konstruktiv zu verändern, sollte in möglichst allen
Lebensbereichen ein für das Kind voraussehbares und verständliches
Vorgehen der Bezugspersonen erfolgen. Hierzu können bei einem
ermunternden und geduldigen Erziehungsmilieu insbesondere klare
Handlungsanweisungen bzw. Zielsetzungen, sowie klare Grenzsetzungen
hilfreich sein. Wichtig ist es, dass beide Elternteile lernen,
entsprechende Erziehungsfertigkeiten - miteinander abgesprochen und
koordiniert - anzuwenden und sich auch in Krisenzeiten daran halten
können.
Zielsetzung des Eltern-Trainings
insgesamt ist es, die Eltern-Kind-Interaktion positiv zu verändern.
Üblicherweise provoziert besonders ein hyperkinetisches Kind durch sein
ungestümes Verhalten und Nichtbeachtung von Regeln geradezu negative
Reaktionen seiner Bezugspersonen (wie etwa Ärger, Wutausbrüche,
Bestrafung oder auch nur Nichtbeachtung).
Wie die Verhaltenstherapeutin
Cordula Neuhaus sehr schön beschreibt,
schafft sich das Kind somit ein Umfeld, das für die Aufrechterhaltung
seiner Problematik sorgt und dadurch mehrheitlich nur negative
Lernerfahrungen ermöglicht.
Aber auch für die Eltern ist
diese Art der Eltern-Kind-Beziehung sehr problematisch, zumal wenn von
Aussenstehenden (Schulen, Verwandten, Nachbarn) Kritik am Erziehungsstil
hinzukommen. Nicht selten resultieren hieraus Resignation und
Verzweiflung, weil übliche Zuwendung und Erziehungsmethoden keine
ausreichende Wirkung zeigen. Hierbei gilt, dass besonders komorbide
aggressive und/oder oppositionelle Verhaltensstörungen als ausgesprochen
änderungsresistent gelten. Hierbei sollten unbedingt multimodale
Therapieansätze unter Einbezug von pharmakologischen
Behandlungsmöglichkeiten (siehe unten) eingesetzt werden.
Dazu werden neben entsprechenden
Büchern u.a. gezielte Therapieprogramme für Eltern von hyperaktiven
Kindern, bzw. Kindern mit Störungen des Sozialverhaltens angeboten. Von
Döpfner und Mitarbeitern wurde hierzu das Therapieprogramm (THOP) für
Kinder mit hyperkinetischem und sogenanntem oppositionellem
Problemverhalten vorgestellt, das im deutschsprachigen Raum in der
praktischen Anwendung weit verbreitet ist.
In diesem aus 21
Behandlungsbausteinen bestehendem Therapieprogramm werden sowohl
familienzentrierte, wie auch kindzentrierte Ansätze der Behandlung
kombiniert. Ziel ist, die alltäglichen Eltern-Kind-Interaktionen positiv
zu verändern.
Hierbei werden neben
pädagogischen Empfehlungen besonders verhaltensorientierte
Psychotherapietechniken eingesetzt:
Nach einer genaueren Beschreibung
des Problems (Art, Häufigkeit und Schwere, Auftretensbedingungen) wird
schrittweise der Aufbau von angemesseneren Verhaltensmustern
eintrainiert. Teilweise erfolgt dies über sog. operante Methoden mit
Münzverstärkerprogrammen (Belohnung erwünschten Verhaltens mit einer
Münze, die in vorher abgesprochene angenehme Aktivitäten umgetauscht
werden können).
Spieltherapie: Ein hieraus
letztlich abgeleiteter Therapieansatz für jüngere Kinder (nondirektive
Spieltherapie), der offenbar insbesondere im deutschsprachigen Raum
Verbreitung findet, wendet sich durch die Vermittlung
verhaltensorientierter (behavioraler) Lenkungstechniken eigentlich
primär an die Eltern der Kinder, da diese die überwiegende Zeit mit
ihrem Kind verbringen und somit einen stärkeren Einfluss als ein
Therapeut ausüben können.
Grundlage ist dabei durch eine
hohe Strukturiertheit (durch räumliche Gegebenheiten und Auswahl weniger
Spielmaterialien) sowie Formulierung klarer Grenzen und Verhaltensregeln
eine Beeinflussung des Verhaltens des Kindes durch positive Verstärkung
(= Zuwendung z.B. durch Lächeln, Nicken, Loben, Bestätigen), oder
Löschung (= Nichtbeachtung unangemessenen Verhaltens, Entzug von
Aufmerksamkeit) bzw. Grenzsetzung (= Einsatz vereinbarter negativer
Konsequenzen) zu reagieren.
Nach lerntheoretischen
Grundsätzen lässt sich dabei das Verhalten des Kindes verändern, wobei
die zeitliche Beziehung zwischen Verhalten und Reaktion und die
konsequente Einhaltung entscheidend sind. Leider reduziert die
schwierige Übertragung dieser Prinzipien in den häuslichen, bzw.
schulischen Alltag häufig die Wirksamkeit dieses Ansatzes. Ausserdem
sollte durch die verstärkte Reaktion auf das "Problemkind" im
Familienverband nicht eine Ausgrenzung anderer Kinder, bzw. eine
Sonderstellung in der Familie resultieren.
Pragmatischere Empfehlungen, die
den dargestellten Prinzipien entsprechen, lassen sich aus dem
Therapieprogramm "Spass- und Spiel-Zeit" von Döpfner ableiten (THOP nach
Döpfner et alt., 1997):
1. Sammeln Sie mit Ihrem Kind zusammen Spielideen für eine festgelegte Spasszeit.
2. An dieser Spasszeit dürfen keine anderen Kinder teilnehmen.
3. Wählen Sie sich einen Zeitpunkt aus (und halten ihn ein), an dem diese Spasszeit stattfindet.
4. Ihr Kind bestimmt, was und wie gespielt wird.
5. Entspannen Sie sich! Beobachten Sie zunächst für einige Minuten nur, was Ihr Kind gerade macht und versuchen dann, mitzuspielen.
6. Beschreiben Sie laut, was Ihr Kind macht (Verbalisieren des Verhaltens).
7. Stellen Sie keine Fragen und sagen Sie ihrem Kind nicht, was es tun soll.
8. Loben Sie Ihr Kind gelegentlich oder sagen Ihm etwas Schönes.
9. Drehen Sie sich um und schauen Sie für eine kurze Zeit in eine andere Richtung, wenn Ihr Kind sich problematisch verhält.
10. Notieren Sie nach dem Ablauf der Spasszeit Ihre Eindrücke vom Spielablauf in einem Spieltagebuch.
Weitere Verhaltenstipps für Eltern:
- Führen Sie über das problematische Verhalten in Häufigkeit und Schweregrad Protokoll, so dass die anstehenden Problembereiche objektiviert und im Behandlungsverlauf Veränderungen registriert werden können.
- Förderung von positiven Interaktionen (Kontakten) zwischen Eltern und Kind. Registrieren und honorieren Sie bereits die Anstrengungsbereitschaft Ihres Kindes, sich an Ziele und Aufgaben zu halten.
- Versuche Sie einen festen Zeitrahmen von mindestens 10-15 Minuten für Ihr Kind zu reservieren, in dem Sie alleine dem Kind zuhören und ihm/ihr das Gefühl vermitteln, geliebt und wichtig genommen zu werden.
- Vereinbaren Sie regelmässige Pläne und Routinen und versuchen Sie, Änderungen rechtzeitig anzukündigen.
- Versuchen Sie nicht mehr als ein oder zwei - möglichst einfache und kurze - Anweisungen zur Zeit zu geben. Lassen Sie das Kind diese wiederholen, um abzusichern, dass Sie verstanden wurden.
- Klare und durchgängig für alle Familienmitglieder gültige Verhaltensabsprache und Regeln sollten bekannt sein und auch konsequent mit Anerkennungen und Belohnungen, bzw. angemessenen Konsequenten eingehalten werden.
- Reduzieren Sie unangemessenes Verhalten durch -Time-out Phasen (aus der Situation gehen, Unterbrechung), -zeitnahe Konsequenzen, bzw. Reaktionen auf solche Ereignisse (für das Kind nachvollziehbare, weil vereinbarte Konsequenzen) Berücksichtigen Sie die individuellen Lernbedingungen Ihres Kindes. Hierfür kann ein eigener ruhiger Rückzugsort mit möglichst wenig Ablenkungen, z.B. für Hausaufgaben oder Erholungsphasen, nützlich sein.
- Kinder sollten im Rahmen der vereinbarten Grenzen an Entscheidungen möglichst weit beteiligt werden, um ihnen ein Gefühl der Kontrolle zu vermitteln.

Dem Kind (und seinen Eltern) sollte klar sein, dass bestimmte Verhaltensweisen des Kindes das Zentrum
der Probleme darstellt, nicht das Kind als ganze Person.
Familienberatung / Eheberatung / Familientherapie:
Liegen schwerwiegendere familiäre Auseinandersetzungen und
Familienprobleme (gesundheitliche Probleme,
Abhängigkeitserkrankungen, finanzielle Probleme, Arbeitslosigkeit
etc.) vor, so sollten weiterführende familientherapeutische, bzw.
sozialmedizinische Massnahmen (Sozialberatung, psychosoziale
Dienste) genutzt werden.
5. Kindzentrierte Therapien
Ziel der kindzentrierten Therapieansätze ist es, die
Selbstregulationsfähigkeiten und Problemlösekompetenzen des Kindes
zu verbessern und damit angemessenere Verhaltensmuster zu
verstärken.
Für den Bereich des Aufmerksamkeits-Defizit-Syndroms im Kindesalter
ist hierbei im deutschsprachigen Bereich das Programm von Lauth und
Schlottke (1995) zu nennen. Während das *Elternzentrierte Programm*
von Döpfner und Lehmkuhl (siehe oben) sich primär über die Eltern an
die Änderung externer aufrechterhaltender Bedingungen bzw. der
täglichen Eltern-Kind-Interaktion wendet, werden in dem
Selbstinstruktionsprogramm neben Anleitungen für Eltern und Lehrer,
insbesondere Basisfertigkeiten und Strategien für das Kind
vermittelt und eingeübt.
Hierzu werden 4 Therapiebausteine angeboten:
Im Basistraining wird Wissen über Aufmerksamkeitsstörungen
vermittelt und anschliessend basale Fertigkeiten (Hinschauen,
Beschreiben) trainiert.
Weiterhin werden dann über Selbstverbalisationstechniken,
d.h. laut gesprochene Selbstanweisungen, Techniken zur
Reaktionskontrolle eingeübt.
Als Strategietraining wird das Erkennen und Beschreiben von
Problemsituationen mit einer vorausschauenden Handlungsplanung bzw.
Problemlösestrategien bezeichnet. Auch hier lassen sich
Selbstverbalisation bzw. Selbstanweisungen zur Verhaltenssteuerung
einsetzen.
Weiterer Therapiebestandteil ist die Vermittlung von Techniken im
Umgang mit Ablenkung. Wie erwähnt, wendet sich auch dieses Programm
in der Elternanleitung, durch Vermittlung von Wissen und Erwerb
unterstützendem Verhalten, an die Eltern und zielt auf eine
Modifikation des Erziehungsverhaltens. Schliesslich soll über
Wissensvermittlung von Lernstrategien und einen Transfer bzw.
Überprüfung, die Praxiserprobung im Schulbereich erfolgen. Im
Folgenden sollen einige der geeigneten verhaltenstherapeutischen
Grundlagentrainings etwas genauer dargestellt werden:
Soziales Kompetenz Training (SKT): Fertigkeiten im sozialen
Bereich sind von essentieller Bedeutung, um die spezifischen
Probleme, die aus der ADHS entstehen können, zu lösen. Diese liegen
einerseits häufig in der richtigen Wahrnehmung, Interpretation und
dem Umgang im sogenannten interpersonellen Bereich, d.h. im Umgang
mit anderen Menschen.
Nicht selten sind diese Probleme durch sehr empfindliche
Wahrnehmungsschwellen, Ablenkbarkeit, und besonders Impulsivität und
eine erhöhte emotionale Labilität, dann so ausgeprägt, dass es zu
Problemen mit Gleichaltrigen und zu sozialer Isolierung führen kann
und in der Folge keine neuen sozialen Lernerfahrungen als Korrektur
gemacht werden können.
Besonders bei aggressiven Verhaltensstörungen fällt auf, dass die
betroffenen Kinder- und Jugendlichen soziale Situationen anders
wahrnehmen und bewerten und nur über aggressive Verhaltensmuster
eine Durchsetzung ihrer Interessen als erfolgsversprechend ansehen.
Die hieraus resultierenden Konflikte mit Gleichaltrigen - bzw.
kurzfristigen Erfolge bei Anwendung von Gewalt - sorgen dann in der
Folge dazu, dass adäquatere Lösungsstrategien nicht mehr eingeübt
bzw. angewendet werden. In einem sozialen Kompetenz Training sollen,
zumeist in Gruppen, zunächst in einem geschützten therapeutischen
Setting einzelne Fertigkeiten (Skills) vermittelt und z.B. durch
Rollenspiel trainiert werden, die dann später in der Praxis
angewendet werden sollen. Hierbei können z.B. in einem
Kommunikations- und Wahrnehmungstraining ganz gezielt
Grundfertigkeiten vermittelt werden, wie z.B.:
Augenkontakt halten
Gespräche beginnen
zuhören
ausreden lassen
Gesprächsinhalte zusammenfassen
sich verbal ausdrücken lernen (Verbalisieren)
Gefühle ausdrücken und mitteilen
typische Kommunikationsfehler identifizieren und verändern
Problemlösetraining / Stress- bzw. Ärger-Kontrolltraining:
Das Ziel von kognitiv-behavioralen Psychotherapietechniken des
Selbstinstruktions- und Problemlösetrainings ist es, in
Problemsituationen zunächst innezuhalten und dann rational
Verhaltensalternativen zu entwickeln.
Hierzu lassen sich folgende 5 Problemlöseschritte identifizieren,
die zunächst im therapeutischen Setting eingeübt, dann in leichtere
Alltagssituationen übertragen und schliesslich - im Sinne des
Stressimpfungsansatzes von Meichenbaum - in Problemsituationen
angewendet werden sollen.
1. Hierzu wird das Kind angeleitet, zunächst spontane Handlungsimpulse zu stoppen, indem es sich z.B. laut STOP sagt und eine Beschreibung der Problemsituation durchführt. - STOP, WAS ist eigentlich das Problem?
2. Wie bei einem "Brainstorming" sollen dann verschiedene Handlungsmöglichkeiten, bzw. Problemlösemöglichkeiten gesammelt, z.B. aufgeschrieben werden. Hierzu sollen gerade auch lustige oder zunächst nicht realisierbare Ideen mit einbezogen werden. WAS kann ICH tun?
3. Anschliessend sollen die Konsequenzen der verschiedenen Handlungsmöglichkeiten hinsichtlich kurz- und langfristiger Folgen abgewogen werden - WAS wird passieren ?
4. Aus diesen verschiedenen Problemlösemöglichkeiten soll jetzt eine Alternative ausgewählt und umgesetzt werden - WAS mache ICH?
5. Abschliessend soll der Erfolg der ausgewählten Alternative bewertet und eine Selbstbelohnung für die Anstrengungsbereitschaft bzw. Durchführung erfolgen. Gut gemacht?
Ein entsprechendes Vorgehen lässt sich auch gut über vorbereitete
Selbstinstruktionen, d.h. beruhigend und vorbereitend für
Situationen mit starker emotionaler Beteiligung wie Stress (z.B.
Prüfungssituationen), Ärger oder Konflikten einsetzen.
Beispielhaft soll hierfür das Programm von Petermann und Petermann
(1993) für aggressive Kinder dargestellt werden:
Dieses Trainingsprogramm aus 8 Einzel- und (mindestens) 6
Gruppentherapiesitzungen vermittelt u.a. Entspannungstechniken,
Anleitung zur Selbstbeobachtung mittels Selbstbeobachtungsbögen zur
differenzierteren Wahrnehmung der Umwelt, sowie Handlungstipps für
angemessenere Selbstbehauptungsmöglichkeiten, die u.a. auch mit
Videofilmen altersgemäss vermittelt werden. Zielsetzung ist es
dabei, Ärger- und Wutreaktionen zu kontrollieren, sich in andere
Menschen besser einzufühlen und insgesamt ein kooperativeres
Verhalten zu erwerben.
6. Schulzentrierte Ansätze
Während z.B. in den USA spezielle gesetzliche Regelungen die
Anpassung von Klassen an die besonderen Lernbedingungen von
ADHS-Kindern fordern und fördern, unterscheiden sich entsprechende
Regelungen je nach Bundesländern bzw. dem Kenntnisstand und Einsatz
entsprechender Lehrer/-innen.
Aus wissenschaftlichen Studien geht eindeutig hervor, dass die
Kombinationstherapie von medikamentöser Behandlung plus
verhaltensorierentierten Therapien weit der alleinigen behavioralen
Therapie überlegen ist.
Andererseits stellt aber gerade der Schulbereich häufig ein Problem
zur Umsetzung einer Pharmakotherapie mit Stimulanzien dar. Die in
der Schulzeit notwendige Medikamenteneinnahme wird einerseits von
Lehrern/-innen z.T. aus Unwissenheit bzw. ideologischen Gründen als
Förderung eines späteren "Drogenkonsum" abgelehnt oder zumindest
nicht unterstützt, andererseits kann sich das betreffende Kind aber
gerade durch diese Sonderrolle einer kontrollierten
Medikamenteneinnahme ausgegrenzt und stigmatisiert fühlen.
Daher wurde überlegt, inwieweit langwirkende (bis 12h) Stimulanzien
wie Ritalin LA oder Concerta eine Behandlungsalternative für diese
Problembereiche darstellen könnten (siehe unten).
Sinnvolle Strategien für ADHS-Kinder im Klassenraum:
- Ein hohes Mass von Struktur und Vorhersehbarkeit für den Schüler - klar festgelegte Regeln und Handlungsanweisungen, möglichst schriftlich fixiert!
- Organisationshilfen wie feste Hausaufgabenrhythmen, geschriebene Hausaufgabenanweisungen
- Besondere Ruheräume in der Schule
- Sitzen möglichst weit vorne beim Lehrer bzw. entfernt von Fenstern und neben Vorbildern der Klasse
- Vermittlung von Lerntechniken zur Organisation von Arbeiten in kleinen Schritten und zum Zeitmanagement
- Unterrichtsgestaltung im Sinne eines alle Sinne anregenden Stils mit aufmerksamkeitsfördernden Unterrichtsmitteln
- Kurzdarstellung des zu vermittelnden Unterrichtsstoff zu Beginn der Unterrichtsstunde
- Orientierungshilfen bei offensichtlicher Ablenkbarkeit bzw. fehlender Orientierung in Bezug auf den aktuell durchgenommenen Unterrichtsstoff (z.B. durch schriftliche Aufzeichnungen an der Tafel)
- Für einige Kinder kann tatsächlich das gleichzeitige Malen bzw. Benutzen von anderen Bewegungsmöglichkeiten (z.B. Igelball) aufmerksamkeitssteigernd sein, auch wenn dies zunächst als Ablenkung vom Lehrer angesehen wird.
- Bei Bedarf gezielte Förderung des Schülers in einzelnen Problembereichen im Einzel-, Paar- bzw. Gruppenunterricht
- Hilfreich kann der regelmässige (!) Austausch zwischen Lehrern und Eltern über die laufende begleitende, medikamentöse und verhaltensorientierte Therapie, Hausaufgaben, Entwicklungsfortschritte oder auftretende Probleme, z.B. in Form von kurzen Karteikartenmitteilungen sein. Hierzu sollten die Eltern zumindest die Elternsprechtage nutzen, besser noch regelmässige Gesprächskontakte z.B. mit dem Klassenlehrer vereinbaren (telefonisch oder besser persönlich).
- Hier sollten auch Fragen oder Vorbehalte zur Behandlung aufgegriffen werden und (nach Möglichkeit) entkräftet werden. Hierzu wäre auch die Einbeziehung der Lehrer/-in in Gespräche mit den behandelnden Ärzten bzw. Psychotherapeuten ausgesprochen zielführend.
