Diagnostik der ADHS (Teil 2)
Dipl.-Psych. Piero Rossi
Vortragsmanuskript; gehalten am 16.05.2002 anlässlich eines
ADHS-Symposiums in Basel.
Letzte Aktualisierung dieser Seite: 02.12.2008
Ich werde Ihnen im folgenden ein paar Gedanken zur Diagnostik der ADHS vortragen.
Meine
Damen und Herren, sie können sich vorstellen, dass bei ADHS-Verdacht bei
Kindern und Erwachsenen einer möglichst korrekten Diagnosestellung eine
besonders hohe therapeutische Bedeutung zukommt. Ergibt nämlich eine
Untersuchung eines Patienten, dass seinen Beschwerden - gemäss den
strengen diagnostischen Kriterien der DSM-IV - tatsächlich eine ADHS
zugrunde liegt, so ist damit in den meisten Fällen eine Indikation für
eine medikamentöse Basistherapie verbunden.
Nun ist es ja so, dass ich als Psychologe keine Medikamente rezeptieren
kann. Ich muss also dem zuweisenden Arzt in einem ausführlichen
Untersuchungsbericht Befunde, Beurteilung und Vorschläge zum Prozedere
und zur Therapie unterbreiten.
Und wenn Psychologen Ärzten eine medikamentöse Therapie vorschlagen,
will das natürlich besonders gut begründet sein.
Vor allem bei Jugendlichen und Erwachsenen mit ADHS ist es erst wenigen
Ärzten bekannt, dass 1. eine ADHS auch im Erwachsenenalter fortbestehen
kann und 2., dass wie bei Kindern eine Therapie mit Ritalin oder anderen
Stimulanzien indiziert sein kann.
Viele der uns zugewiesenen Patienten gelten als schwierig oder gar als
therapieresistent. Viele der Kinder haben eine regelrechte Odyssee von
Abklärungen, von Legasthenie-, Familien-, Psycho- und Spiel- und anderen
Therapien hinter sich. Bei Erwachsenen ist das nicht anders und es kommt
nicht selten vor, dass sie während Jahren analytisch oder
gesprächstherapeutisch behandelt wurden, ohne dass ihre Grundproblematik
– nämlich ein Fortbestehen von klinisch relevanten Störungen der
Aufmerksamkeits- und Exekutivfunktionen - erkannt, eine spezifische
Therapie eingeleitet und die Beschwerden gelindert werden konnten.
Das Leid der mir vorgestellten Patienten und die Notwendigkeit, im
Rahmen von konsiliarischen Untersuchungen meine Befunde zu objektivieren
und zu dokumentieren, haben mich in den letzten Jahren veranlasst, mich
intensiv auch mit der neuropsychologischen Diagnostik der ADHS bei
Kindern- und Erwachsenen zu befassen.
Jetzt erwarten Sie sicher von mir einige sehr gescheite Aussagen und
Schlussfolgerungen zu diesen Fragen. Ich muss Sie aber enttäuschen: Sie
kennen das wahrscheinlich: Je mehr man sich mit einem Thema befasst, um
so klarer wird auch, was man alles eben nicht versteht.
Als
Workshopleiter darf ich Sie heute aber nicht mit leeren Händen gehen
lassen und probiere es wenigstens, Ihnen einige meiner Erfahrungen und
Gedanken zum Thema der psychologischen Diagnostik bei
ADHS-Untersuchungen vorzustellen.
Die grösste Herausforderung in der psychologischen Diagnostik der ADHS
sind nicht etwa die zahlreichen methodisch auf schwachen Beinen
stehenden Symptomchecklisten oder die problematischen
"ADHS-Schnelltests", wie etwa der computergestützte T.O.V.A.-Test aus
den USA, oder fehlende Validierungsstudien, nein...
Das zentrale Problem der ADHS-Diagnostik existiert m.E. bereits
vor der Diagnostik:
Die ADHS ist nämlich alles andere als eine sich klinisch homogen manifestierende, leicht beschreib- und einfach diagnostizierbare Erkrankung.
Denken
wir nur schon daran, wie stark sich klinisch der unaufmerksame vom
hyperaktiven Typus der ADHS unterscheiden und wie verschieden sich die
ADHS bei Buben und Mädchen, bei Männern und Frauen entwickeln können.
Hier das stille, übermässig verträumte, vergessliche und ängstliche
Mädchen mit der "langen Leitung". Dort der laute, hyperaktive, alle
provozierende, motorisch ungeschickte und überall aneckende ADHS-Knabe.
Und da der chronische Temposünder und Adrenalin-Junkie mit ständigem
Stellen- und Partnerwechsel, der immer Neues anreisst, allen vieles
verspricht, kaum etwas zu Ende bringt, sich chronisch verspätet und
unter seinem Ruf der Unzuverlässigkeit seelisch zerbricht.
Wir
haben es bei der ADHS leider nicht mit einem Syndrom zu tun, welches
durch ein weitgehend identisches »Symptomenmuster« gekennzeichnet ist.
Ganz im Gegenteil: Die ADHS ist charakterisiert durch eine hohe inter-
und intraindividuelle Variabilität der beobachteten und im Einzelfall
dominanten Symptome. Welche Merkmale sollen denn nun bitte in einer
modernen ADHS-tauglichen Testreihe gemessen und objektiviert werden?
Schliesslich präsentiert sich die Symptomatik der ADHS im
Erwachsenenalter dann nochmals ganz anders als bei Kindern:
Durch ihren Basischarakter und den obligat frühen Beginn behindern die
chronischen Störungen der Aufmerksamkeits- und Selbstkontrollfunktionen
nachhaltig die soziale Anpassung und Entwicklung eines Kindes. Um eine
ADHS bei Erwachsenen verstehen und erkennen zu können, muss man sich
immer vergegenwärtigen, dass die persistierenden Grundsymptome der ADHS
mit fortschreitendem Alter immer mehr von meist leidvollen
Lebenserfahrungen, reaktiven oder komorbiden psychischen Störungen
überformt sein können. Die sekundären psychischen und psychosozialen
Folgen der ADHS können bei Erwachsenen derart ausgeprägt,
überkompensiert, facetten- und variantenreich sein, dass sie selbst ohne
Vorliegen einer komorbiden psychischen Erkrankung, die zugrunde liegende
Grundstörung häufig regelrecht verdecken.
Ich
sagte vorhin: Das zentrale Problem der ADHS-Diagnostik existiert bereits
vor jeder Diagnostik - und gehe noch einen Schritt weiter:
Der renommierte ADHD-Forscher Russel Barkley und mit ihm viele
ADHD-Experten konzipieren heute die ADHS als eine Störung in der
Entwicklung der
Exekutivfunktionen.
Mit Exekutivfunktionen sind grundlegende neuropsychologisch
beschreibbare mentale Prozesse höherer Ordnung gemeint, welche als
zentrale Instanzen verantwortlich sind für das Funktionieren und das
Zusammenspiel elementarer Funktionen wie Aufmerksamkeitsaktivierung und
Aufmerksamkeitskontrolle, das Zeitgefühl, das Initiieren von Handlungen,
ja die Handlungskontrolle an sich, das Hemmen von Impulsen, die
Regulation von Affekten, die flexible kognitive Umstellungsfähigkeit,
die Informationsanalyse und -verarbeitung, das Planen und Problemlösen
sowie für weitere komplexe kognitive Funktionen. Intakte
Exekutivfunktionen regulieren damit die interne Verhaltenskontrolle,
also die Selbstregulation eines Menschen und dienen dem Erwerb von
Selbsteinschätzung, bewusster Selbststeuerung und reifem Denken und
Handeln.
Man sollte erwarten können, dass es möglich sein muss, auch
ADHS-bedingte Störungen der Exekutivfunktionen mit neuropsychologischen
Testverfahren ausreichend sicher erfassen zu können. Schliesslich sind
die Verhaltensauffälligkeiten bei ADHS-Patienten oftmals ja wirklich
sehr ausgeprägt. Leider ist dem nicht so: Selbst bei Patienten mit
Verhaltensstörungen infolge eines Frontalhirnsyndroms stellt die
Diagnostik der Exekutivfunktionen eine grosse Herausforderung dar.
Neuropsychologen wissen, dass selbst bei Patienten mit einem
Frontalhirnsyndrom nach einem Schädel-Hirn-Trauma in psychometrischen
Testuntersuchungen immer wieder normgerechte Einzelleistungen
festgestellt werden können.
Wie Sie wissen, geht man bezüglich der Pathogenese der ADHS derzeit von einer komplexen Dysfunktion der Neurotransmitter im Bereich der Frontallappen und des limbischen Systems aus. Es stehen im Vordergrund also primär variable neurochemische Prozesse, deren Auswirkungen auf inhibitorische (hemmende) Mechanismen und kognitive Funktionen und den daraus resultierenden Problemen bei in der Alltagsbewältigung, und eben nicht mehr oder weniger konstante Funktionsstörungen, welche zu einem beliebigen Zeitpunkt mit Tests objektiviert werden können.
Die typischen bei dysexekutiven Störungen auftretenden variablen Beeinträchtigungen der Aufmerksamkeits- und Handlungskontrolle sowie der Affektregulation zeigen sich bei der ADHS primär in reizarmen, monotonen und stimulationsarmen Alltagssituationen.
Kinder
und Erwachsene mit einer ADHS zeigen in Schule, Freizeit, Beruf und
Beziehungen eine ausgesprochene Intoleranz gegenüber reiz- und
stimulationsarmen Situationen. Alles sich wiederholende – dazu gehört
leider auch das Lernen – ist für sie Gräuel. Sie werden leicht unruhig,
zappelig, unkonzentriert, sind innerlich und äusserlich ständig auf dem
Sprung, suchen den "Kick", das Interessante, das Neue, Frische und
Spannungsgeladene, das Besondere, ja zum Teil sogar den Streit, das
Sorgenvolle und das Gefährliche. Indem diese Menschen sich in diese
anregenden Situationen begeben oder sich mental stimulieren (Eifersucht,
Sorgen, Gedanken an interessante spannende Situationen), bewirken sie,
dass durch die Selbststimulation die neuronale Aktivität in diejenigen
Hirnabschnitten, für die Exekutivfunktionen bedeutsam sind, verstärkt
wird. Das erklärt, wieso ADHS-Betroffene in subjektiv interessanten
Situation sehr wohl sehr leistungsfähig sein können. Kinder und
Erwachsene berichten von grossen Mühen, langweilige Texte lesen oder
eintönigen und "uninteressanten" Gesprächen zu folgen. Dies kann im
schulischen bzw. beruflichen Fortkommen, aber auch beim Erwerb von
sozialen Kompetenzen, fatale Konsequenzen haben. Im gleichen Atemzug
berichten uns dieselben Betroffenen, dass sie sich in interessanten
Situationen oder bei spannenden Aufgaben und Herausforderungen sehr gut
konzentrieren können.
Die für alle
ADHS-Patienten charakteristische Eigenschaft, sich in stimulierenden und
anregenden Situationen sehr viel wohler zu fühlen und kognitiv und
emotional sehr viel besser "zu funktionieren", hat Auswirkungen auch auf
die Diagnostik:
Stellen nämlich die konkreten Untersuchungsbedingungen einer
diagnostischen Abklärung für den Probanden eine subjektiv
interessante oder gar eine spannende Herausforderung dar, ist es
eher eine Ausnahme, wenn sich während der klinischen Exploration Störung
der Aufmerksamkeit und der Konzentration manifestieren.
Analoges gilt natürlich für testpsychologische Abklärungen. Kurz gesagt
stellen viele der neuropsychologischen Tests für zu viele
ADHS-Betroffene eine stimulierende Herausforderungen dar. Die Tests sind
oft zu interessant und vor allem zu kurz und somit nicht immer in
der Lage, die im Alltag relevanten Funktionsstörungen abzubilden.
Damit aber noch nicht genug:
Bei den Kernmerkmalen einer ADHS handelt es sich bekanntlich nicht
gerade eben um sehr spezifische Symptome:
Konzentrationsschwächen, leichte Ablenkbarkeit, Zerstreutheit,
Vergesslichkeit, ungenügende behaviorale oder affektive
Selbstbeherrschung, also ein chronisches Versagen der inneren
Verhaltens- und Gefühlsbremse, schlechte Planungs- und
Selbstorganisationskompetenzen, ja, selbst Aufmerksamkeitsstörungen,
welche sich in Tests objektivieren lassen, sind Symptome sehr vieler
verschiedener psychischer, internistischer oder neurologischer
Erkrankungen.
Daraus kann nur folgen, dass differentialdiagnostischen Erwägungen
bei Verdacht auf ADHS eine besonders grosse Rolle zukommen muss.
Ich komme darauf zurück.
Sie
wissen es bereits oder haben es in anderen Workshop heute gehört: Eine
ADHS beginnt nicht mit erst mit 30, sondern obligat in der Kindheit.
Und: Es ist nicht das blosse Vorliegen der in den DSM-IV definierten
Kriterien, welche eine ADHS ausmachen, sondern vielmehr die chronischen
und negativen Auswirkungen der ADHS-typischen Inhibitionsschwächen auf
Lebensgestaltung, soziales Umfeld und Selbstwertgefühl der Betroffenen.
Wir können eine ADHS dann diagnostizieren, wenn sich die mit dieser
Störung assoziierten Merkmale wie ein roter Faden durch das Leben
eines Menschen ziehen, diesen massgeblich daran hindern, seine
Persönlichkeit und seine Begabungen zu entfalten und in mehreren
Lebensbereichen zu klinisch bedeutsamen Beeinträchtigungen
führen. So kommen einer adäquaten Diagnostik der ADHS also nicht nur den
Differentialdiagnosen, in erster Linie der Anamnese eine zentrale Rolle
zu.
Bei Kindern
liegen uns hierfür gut untersuchte und ökonomisch durchführbare
standardisierte Sreeninginstrumente vor. Wünschenswert wäre es nun, wenn
wir auch bei der Beurteilung Erwachsener über bewährte standardisierte
anamnestische Ratingscales verfügen könnten. Sie kennen oder haben
gehört von der Wender Utha Rating Scale (WURS). Es handelt sich um einen
auch in Europa verbreiteten auf amerikanischen Normen beruhenden
anamnestischen Selbstbeurteilungsbogen. Bei 61 ADHS-relevanten
Verhaltensmerkmalen wird gefragt, wie stark sich diese im Alter zwischen
6 und 10 gezeigt haben. In Validierungsuntersuchungen erwies sich die
WURS als sensitiv. Das heisst, die Wahrscheinlichkeit, dass jemand mit
ADHS dann einen positiven Befund ausweist, ist gross. Leider ist aber
die Wahrscheinlichkeit, dass ein Nicht-ADHS-Patient in der WURS dann
auch einen negativen Befund erhält, viel zu klein. Eine vor zwei
Jahren veröffentlichte Studie zur diskriminativen Validität der WURS
zeigte, dass mit diesem Testverfahren zu viele Patienten falsch
ADHS-positiv klassifiziert werden.
Angesichts der Komplexität des klinischen Bildes der ADHS, der
Verflochtenheit mit komorbiden Störungen und der diagnostischen
Unsicherheit ist vor allem bei Erwachsenen das Bedürfnis nach objektiven
Grundlagen für eine ADHS-Diagnostik sehr, sehr berechtigt. Es existieren
aber m.W. bis heute keine ausreichend bewährte und an grossen
europäischen Stichproben überprüfte standardisierte Checkliste oder eine
neuropsychologische Testreihe, welche es im klinischen Alltag erlauben
würde, aufgrund eines oder mehrerer positiver Testbefunde mit
ausreichend hoher Wahrscheinlichkeit eine ADHS zu identifizieren und
genügend sicher von anderen Erkrankungen zu unterscheiden.
Werden
neuropsychologische Testleistungen von erwachsenen ADHS-Patienten mit
Gesunden verglichen, lassen sich zwar meist auffällige und nicht
normgerechte Testresultate feststellen.
Aber auch die neuropsychologische Untersuchung von Patienten mit anderen
psychiatrischen Diagnosen ergeben Auffälligkeiten im Bereich der
Exekutiv-, Aufmerksamkeits- und Gedächtnisfunktionen. Signifikante
Unterschiede gegenüber anderen klinischen Stichproben haben sich nur in
wenigen Vergleichsstudien und dann erst noch z.T. in unterschiedlichen
kognitiven Funktionsbereichen feststellen lassen. Da bei ADHS im
Erwachsenenalter bei rund ¾ aller Fälle komorbide psychische Störungen
bestehen, tja..., was dann misst dann unser Test eigentlich?
So unklar und komplex vieles auch ist, einige wenige Anhaltspunkte haben wir zum Glück:
Studien belegen und bestätigen damit auch meine Erfahrungen, dass nämlich ADHS-Kinder im Vergleich zu den gesunden Kontrollkindern vor allem in Aufmerksamkeitstests Leistungen erbringen, die bedeutsam fehlerhafter sind und vor allem in den Reaktionszeiten grössere Schwankungen aufweisen. Aber Vorsicht: Man darf das nun aber nicht umdrehen: Untersuchen wir in der Niederlassung auffällige Kinder mit ADHS-Verdacht, dann sind schlechte oder gute Leistungen in diesen Tests nicht automatisch ein Beleg für oder gegen eine ADHS-Diagnose. Bloss weil sich bei vielen ADHS-Betroffenen in Untersuchungen charakteristische Aufmerksamkeitsstörungen objektivieren liessen, heisst das nicht automatisch, dass die in Einzeluntersuchungen festgestellten Defiziten dieser Art dann zwingend zu einer ADHS gehören müssen.
Vor allem der im klinischen Alltag äusserst wichtige negative Voraussagewert eines Tests, also die Wahrscheinlichkeit, dass ein Patient mit negativem Testausfall ausreichend sicher keine ADHS hat, ist bei ADHS-Schnelltests und Ratingsscales vielfach nicht ausgewiesen. Was nützen also angeblich genaue ADHS-Tests, die es ermöglichen sollen, bei einem ADHS-Patienten sicher eine ADHS zu erkennen, es aber offen lassen, ob ein Patient mit negativem Testausfall dann auch tatsächlich keine ADHS hat?
-
Wenn ein Kind in der Schule und daheim Lern- und Verhaltensprobleme hat, ein ADHS-Verdacht besteht und das Kind in einer neuropsychologischen Untersuchung oder erst recht in einem amerikanischen CPT wie z.B. dem T.O.V.A. altersgerechte Leistungen erbringt, heisst das also nicht zwingend, dass keine ADHS vorliegt.
-
Und: Wenn ein Kind in der Schule und daheim Lern- und Verhaltensprobleme zeigt und Tests ADHS -typische Resultate zeigen, heisst das nicht zwingend und nicht sicher, dass eine ADHS vorliegt.
Die ganze neuropsychologische ADHS-Diagnostik auf einen Schlag vereinfachen würde die Entdeckung eines einfach nachzuweisenden ADHS-spezifischen Aufmerksamkeitsdefizits. Ein ausschliesslich bei der ADHS vorkommendes, spezifisches und zuverlässig objektivierbares Aufmerksamkeitsdefizit konnte indes bisher nicht ausgemacht werden. Wahrscheinlich wird man "es" gar nie entdecken, da "es" gar nicht existiert: Die uneinheitlichen neuropsychologischen Befunde und die verschiedenen klinischen Erscheinungsformen, Komorbiditäten und Verläufe einer ADHS lassen es m.E. erwarten, dass zukünftige Forschungsbemühungen zu einem differenzierteren Konzept dessen führen, was wir heute zusammenfassend unter dem Modell der ADHS zu verstehen versuchen.
Wenn jetzt aber Tests und standardisierte Selbst- und Fremdanamnesen bis heute
-
keine die Diagnose beweisende oder ausschliessende Bedeutung haben,
-
wenn auch Patienten mit anderen Störungen in diesen Testreihen auffällige Resultate erbringen können
-
und wenn schliesslich unauffällige Testresultate eine ADHS nicht ausschliessen,
...dann
werden Sie sich natürlich fragen, ob psychometrische Tests bei
ADHS-Abklärungen denn überhaupt noch Sinn machen.
Wenn unauffällige psychologische Testbefunde eine ADHS nicht
auszuschliessen vermögen, wird dann im Alltag durch den Einsatz
psychometrischer Verfahren nicht sogar falschen Beurteilungen und
Kunstfehlern Vorschub geleistet? Sollte man gar besser auf Tests ganz
verzichten und sich auf eine gründliche Anamnese, die
DSM-IV-Kriterien,
seine klinische Erfahrung und Intuition verlassen?
Immerhin
verfügen wir bereits über einen zuverlässigen "ADHS-Referenztest" im
Rang eines diagnostischen Goldstandards (gemeint ist diejenige
Untersuchung, die den Zustand eines Patienten so wahrheitsgetreu wie
möglich erfasst). Ich meine die empirisch gut abgestützten und
zuverlässigen diagnostischen Kriterien der
DSM-IV.
Einige ADHS-Experten und mehrere Guidelines zur Diagnostik der ADHS
postulieren denn auch, dass zur Diagnose bei Kindern und Erwachsenen
keine neuropsychologischen Tests erforderlich sind.
Ich
kann dem nicht zustimmen.
Das DSM-IV-Kriterium
E der verlangt
zwingend die Berücksichtigung von Differentialdiagnosen. Dazu
zählen nicht nur psychopathologische und neurologische Erkrankungen,
sondern – auch wenn sie in dem DSM nicht namentlich erwähnt werden –
selbstverständlich auch Folgen von zerebralen Funktionsstörungen.
Folglich müssen wir nicht nur Differentialdiagnosen auf der Ebene psychopathologischer Erkrankungen oder psychosozialer Umstände erwägen, sondern vor allem auch auf der primären Ebene der neuropsychologisch beschreibbaren kognitiven Funktionen und deren Störungen.
Bei Kindern sind damit gemeint nicht nur die Legasthenie, sondern auch sog. Nonverbale Lernstörungen wie räumlich-konstruktive Störungen oder Störungen der visuell-figuralen Merkfähigkeit. Gerade räumlich-konstruktive Störungen* gehören zu den häufigsten Folgen zerebraler Dysfunktionen unterschiedlichster Genese. Nur logisch ist nämlich, dass Kinder mit diesen Störungen versuchen, ihre Defizite – etwa in der Raumverarbeitung - durch eine Aufmerksamkeitszuwendung auf Ersatzmechanismen kompensieren. Sie wirken dann unflexibel, ablenkbar und unsicher und zeigen Störungen der visuellen Aufmerksamkeit.
Kinder mit diesen Störungen können sekundär Lern- und Verhaltensstörungen zeigen, welche denen einer ADHS täuschend ähnlich sein können.
Um also sicherzustellen, dass es sich bei den im Alltag manifestierenden Konzentrations- und Verhaltensproblemen wirklich um Folgen einer primären Störung der Aufmerksamkeitsfunktionen und der Verhaltenskontrolle und nicht etwa Folgen einer Teilleistungsstörung wie z.B. aus der Gruppe der o.g. Nonverbalen Lernstörungen handelt, kann auf eine kognitive Statusdiagnostik nicht verzichtet werden.
Auch wenn die Teilleistungsstörungen komorbid zu ADHS bestehen, unsere Patienten also „Läuse und Flöhe“ haben, müssen natürlich auch diese Begleitstörungen erkannt und ergänzend zur medikamentösen Therapie beispielsweise ergotherapeutisch behandelt werden.
Also: Ohne umfassende neuropsychologische Abklärung ist das Ausschluss-Kriterium E der DSM-IV Kriterien nicht wirklich verifizierbar.
Die Beschränkung auf eine rein psychopathologische Sicht der ADHS und eine Vernachlässigung einer neuropsychologischen Perspektive erscheint speziell bei diesem Störungsbild unlogisch, denn eine ADHS beruht selbst im Erwachsenenalter zwingend auf persistierenden neuropsychologisch beschreibbaren Funktionsstörungen.
Wir
führen bei uns Verdacht auf ADHS ergänzend zur Anamneseerhebung und der
Exploration immer eine kognitive Statusdiagnostik, also eine umfassende
Prüfung u.a. der Wahrnehmungs-, Aufmerksamkeits- und
Gedächtnisfunktionen sowie der Raumverarbeitungskompetenzen durch
- und zwar nicht nur zwecks Differentialdiagnosen: Wohl wissend, dass
die Resultate, wie immer sie auch ausfallen, eine ADHS-Diagnose weder
bestätigen noch ausschliessen, erlauben es uns diese Tests in vielen
Fällen, die ADS-typischen kognitiven und behavioralen Defizite oft
eindrücklich gut zu dokumentieren.
Meiner Erfahrung nach zeigen ca. 90% aller von uns untersuchten
Patienten, bei denen wir eine ADHS diagnostizierten, unabhängig von
Alter und Geschlecht und bei intakten Gedächtnisfunktionen
charakteristische Resultate in denjenigen Tests, welche Anforderungen an
die Aufmerksamkeits- und Verhaltens- bzw. Impulskontrolle stellen. Vor
allem bei längeren, monotonen computergestützen Tests, welche auch die
Bestimmung von Verlaufsparametern ermöglichen, trennen sich "Spreu vom
Weizen".
In einer im August 2000 in der Zeitschrift für Neuropsychologie
publizierten durchgeführten Studie zur klinischen Validität eines
computergestützten Aufmerksamkeitstest bei ADHS-Kindern, fand ich meine
eigenen Beobachtungen weitgehend bestätigt. Die Stichprobe mit 20
ADHS-Buben mit und 20 Kontrollbuben ist zugegebenermassen klein. Die
Resultate indes sind umso beeindruckender: Bei allen durchgeführten
Subtests zeigten ADHS-Buben bedeutsam schlechte Qualitätsmasse als die
Gesunden. Durch zwei Kennwerte, nämlich Fehlerzahlen und Schwankungen
der Reaktionszeiten und die Berücksichtigung des Alters konnten 90%
der Kinder beider Gruppen richtig klassifiziert und vorausgesagt werden.
Bei diesem auch von uns verwendeten Computertest handelt es sich um die
seit Jahren bewährte neuropsychologische Testbatterie zur
Aufmerksamkeitsprüfung TAP. Für einige Subtests liegen Normdaten bereits
ab dem 6. Lebensjahr vor. Die TAP ist eine in Europa etablierte
Testreihe und wird eingesetzt als Teil einer
neuropsychologischen Einzelfalluntersuchung, aber auch in Studien.
Geprüft werden können u.a. Wachheit und Grad der
Aufmerksamkeitsaktivierung, die selektive und geteilte Aufmerksamkeit
und die Vigilanz.
Hinweis:
Im Rahmen einer ADHS-Abklärung macht ein
Einsatz der TAP oder eines anderen computergestützten
Aufmerksamkeitstests alleine keinen Sinn.
Aufmerksamkeitsleistungen sind eng mit mnestischen und anderen
kognitiven und neuromotorischen Funktionen verwoben. Nur eine
umfassende kognitive Statusdiagnostik erlaubt es, allfällig
festgestellte Aufmerksamkeitsschwächen in ihrer Relation zu anderen
Funktionsbereichen zu verstehen.
Eine kognitive Statusdiagnostik unter Einsatz bewährter neuropsychologischer Testreihen trägt dazu bei, die Wahrscheinlichkeit einer korrekten diagnostischen Beurteilung zu erhöhen und kann gewährleisten, dass auch komorbide Teilleistungsstörungen einer spezifischen Therapie zugeführt werden können.
Vergessen wir zum Schluss nicht folgendes:
Selbst unter Einsatz von modernsten computergestützten Verfahren
diagnostizieren und behandeln Ärzte und Psychologen immer Menschen und
keine Funktionsstörungen. Das gilt auch bei Testuntersuchungen, bei
denen das Verhalten und die Rückmeldungen unserer Patienten oft mehr
aussagen als Standardabweichungen, Prozent- und T-Wertränge.
* Räumlich-konstruktive Störung: Gemeint ist eine Schwäche, einzelne Elemente einer Figur manuell und unter visueller Kontrolle zu einem Ganzen zusammenzufügen. Es handelt sich um eine Form einer konstruktiven Apraxie und gehört zu den Raumverarbeitungsstörungen.
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