Informationen zur Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS)

 

Diagnostik der ADHS (Teil 2)

Dipl.-Psych. Piero Rossi
Vortragsmanuskript; gehalten am 16.05.2002 anlässlich eines ADHS-Symposiums in Basel.

Letzte Aktualisierung dieser Seite: 02.12.2008

Ich werde Ihnen im folgenden ein paar Gedanken zur Diagnostik der ADHS vortragen.

Meine Damen und Herren, sie können sich vorstellen, dass bei ADHS-Verdacht bei Kindern und Erwachsenen einer möglichst korrekten Diagnosestellung eine besonders hohe therapeutische Bedeutung zukommt. Ergibt nämlich eine Untersuchung eines Patienten, dass seinen Beschwerden - gemäss den strengen diagnostischen Kriterien der DSM-IV - tatsächlich eine ADHS zugrunde liegt, so ist damit in den meisten Fällen eine Indikation für eine medikamentöse Basistherapie verbunden.

Nun ist es ja so, dass ich als Psychologe keine Medikamente rezeptieren kann. Ich muss also dem zuweisenden Arzt in einem ausführlichen Untersuchungsbericht Befunde, Beurteilung und Vorschläge zum Prozedere und zur Therapie unterbreiten.
Und wenn Psychologen Ärzten eine medikamentöse Therapie vorschlagen, will das natürlich besonders gut begründet sein.

Vor allem bei Jugendlichen und Erwachsenen mit ADHS ist es erst wenigen Ärzten bekannt, dass 1. eine ADHS auch im Erwachsenenalter fortbestehen kann und 2., dass wie bei Kindern eine Therapie mit Ritalin oder anderen Stimulanzien indiziert sein kann.

Viele der uns zugewiesenen Patienten gelten als schwierig oder gar als therapieresistent. Viele der Kinder haben eine regelrechte Odyssee von Abklärungen, von Legasthenie-, Familien-, Psycho- und Spiel- und anderen Therapien hinter sich. Bei Erwachsenen ist das nicht anders und es kommt nicht selten vor, dass sie während Jahren analytisch oder gesprächstherapeutisch behandelt wurden, ohne dass ihre Grundproblematik – nämlich ein Fortbestehen von klinisch relevanten Störungen der Aufmerksamkeits- und Exekutivfunktionen - erkannt, eine spezifische Therapie eingeleitet und die Beschwerden gelindert werden konnten.

Das Leid der mir vorgestellten Patienten und die Notwendigkeit, im Rahmen von konsiliarischen Untersuchungen meine Befunde zu objektivieren und zu dokumentieren, haben mich in den letzten Jahren veranlasst, mich intensiv auch mit der neuropsychologischen Diagnostik der ADHS bei Kindern- und Erwachsenen zu befassen.

Jetzt erwarten Sie sicher von mir einige sehr gescheite Aussagen und Schlussfolgerungen zu diesen Fragen. Ich muss Sie aber enttäuschen: Sie kennen das wahrscheinlich: Je mehr man sich mit einem Thema befasst, um so klarer wird auch, was man alles eben nicht versteht.

Als Workshopleiter darf ich Sie heute aber nicht mit leeren Händen gehen lassen und probiere es wenigstens, Ihnen einige meiner Erfahrungen und Gedanken zum Thema der psychologischen Diagnostik bei ADHS-Untersuchungen vorzustellen.

Die grösste Herausforderung in der psychologischen Diagnostik der ADHS sind nicht etwa die zahlreichen methodisch auf schwachen Beinen stehenden Symptomchecklisten oder die problematischen "ADHS-Schnelltests", wie etwa der computergestützte T.O.V.A.-Test aus den USA, oder fehlende Validierungsstudien, nein...

Das zentrale Problem der ADHS-Diagnostik existiert m.E. bereits vor der Diagnostik:

Die ADHS ist nämlich alles andere als eine sich klinisch homogen manifestierende, leicht beschreib- und einfach diagnostizierbare Erkrankung.

Denken wir nur schon daran, wie stark sich klinisch der unaufmerksame vom hyperaktiven Typus der ADHS unterscheiden und wie verschieden sich die ADHS bei Buben und Mädchen, bei Männern und Frauen entwickeln können.

Hier das stille, übermässig verträumte, vergessliche und ängstliche Mädchen mit der "langen Leitung". Dort der laute, hyperaktive, alle provozierende, motorisch ungeschickte und überall aneckende ADHS-Knabe. Und da der chronische Temposünder und Adrenalin-Junkie mit ständigem Stellen- und Partnerwechsel, der immer Neues anreisst, allen vieles verspricht, kaum etwas zu Ende bringt, sich chronisch verspätet und unter seinem Ruf der Unzuverlässigkeit seelisch zerbricht.

Wir haben es bei der ADHS leider nicht mit einem Syndrom zu tun, welches durch ein weitgehend identisches »Symptomenmuster« gekennzeichnet ist. Ganz im Gegenteil: Die ADHS ist charakterisiert durch eine hohe inter- und intraindividuelle Variabilität der beobachteten und im Einzelfall dominanten Symptome. Welche Merkmale sollen denn nun bitte in einer modernen ADHS-tauglichen Testreihe gemessen und objektiviert werden?

Schliesslich präsentiert sich die Symptomatik der ADHS im Erwachsenenalter dann nochmals ganz anders als bei Kindern:

Durch ihren Basischarakter und den obligat frühen Beginn behindern die chronischen Störungen der Aufmerksamkeits- und Selbstkontrollfunktionen nachhaltig die soziale Anpassung und Entwicklung eines Kindes. Um eine ADHS bei Erwachsenen verstehen und erkennen zu können, muss man sich immer vergegenwärtigen, dass die persistierenden Grundsymptome der ADHS mit fortschreitendem Alter immer mehr von meist leidvollen Lebenserfahrungen, reaktiven oder komorbiden psychischen Störungen überformt sein können. Die sekundären psychischen und psychosozialen Folgen der ADHS können bei Erwachsenen derart ausgeprägt, überkompensiert, facetten- und variantenreich sein, dass sie selbst ohne Vorliegen einer komorbiden psychischen Erkrankung, die zugrunde liegende Grundstörung häufig regelrecht verdecken.

Ich sagte vorhin: Das zentrale Problem der ADHS-Diagnostik existiert bereits vor jeder Diagnostik - und gehe noch einen Schritt weiter:

Der renommierte ADHD-Forscher Russel Barkley und mit ihm viele ADHD-Experten konzipieren heute die ADHS als eine Störung in der Entwicklung der Exekutivfunktionen.

Mit Exekutivfunktionen sind grundlegende neuropsychologisch beschreibbare mentale Prozesse höherer Ordnung gemeint, welche als zentrale Instanzen verantwortlich sind für das Funktionieren und das Zusammenspiel elementarer Funktionen wie Aufmerksamkeitsaktivierung und Aufmerksamkeitskontrolle, das Zeitgefühl, das Initiieren von Handlungen, ja die Handlungskontrolle an sich, das Hemmen von Impulsen, die Regulation von Affekten, die flexible kognitive Umstellungsfähigkeit, die Informationsanalyse und -verarbeitung, das Planen und Problemlösen sowie für weitere komplexe kognitive Funktionen. Intakte Exekutivfunktionen regulieren damit die interne Verhaltenskontrolle, also die Selbstregulation eines Menschen und dienen dem Erwerb von Selbsteinschätzung, bewusster Selbststeuerung und reifem Denken und Handeln.

Man sollte erwarten können, dass es möglich sein muss, auch ADHS-bedingte Störungen der Exekutivfunktionen mit neuropsychologischen Testverfahren ausreichend sicher erfassen zu können. Schliesslich sind die Verhaltensauffälligkeiten bei ADHS-Patienten oftmals ja wirklich sehr ausgeprägt. Leider ist dem nicht so: Selbst bei Patienten mit  Verhaltensstörungen infolge eines Frontalhirnsyndroms stellt die Diagnostik der Exekutivfunktionen eine grosse Herausforderung dar. Neuropsychologen wissen, dass selbst bei Patienten mit einem Frontalhirnsyndrom nach einem Schädel-Hirn-Trauma in psychometrischen Testuntersuchungen immer wieder normgerechte Einzelleistungen festgestellt werden können.

Wie Sie wissen, geht man bezüglich der Pathogenese der ADHS derzeit von einer komplexen Dysfunktion der Neurotransmitter im Bereich der Frontallappen und des limbischen Systems aus. Es stehen im Vordergrund also primär variable neurochemische Prozesse, deren Auswirkungen auf inhibitorische (hemmende) Mechanismen und kognitive Funktionen und den daraus resultierenden Problemen bei in der Alltagsbewältigung, und eben nicht mehr oder weniger konstante Funktionsstörungen, welche zu einem beliebigen Zeitpunkt mit Tests objektiviert werden können.

Die typischen bei dysexekutiven Störungen auftretenden variablen Beeinträchtigungen der Aufmerksamkeits- und Handlungskontrolle sowie der Affektregulation zeigen sich bei der ADHS primär in reizarmen, monotonen und stimulationsarmen Alltagssituationen.

Kinder und Erwachsene mit einer ADHS zeigen in Schule, Freizeit, Beruf und Beziehungen eine ausgesprochene Intoleranz gegenüber reiz- und stimulationsarmen Situationen. Alles sich wiederholende – dazu gehört leider auch das Lernen – ist für sie Gräuel. Sie werden leicht unruhig, zappelig, unkonzentriert, sind innerlich und äusserlich ständig auf dem Sprung, suchen den "Kick", das Interessante, das Neue, Frische und Spannungsgeladene, das Besondere, ja zum Teil sogar den Streit, das Sorgenvolle und das Gefährliche. Indem diese Menschen sich in diese anregenden Situationen begeben oder sich mental stimulieren (Eifersucht, Sorgen, Gedanken an interessante spannende Situationen), bewirken sie, dass durch die Selbststimulation die neuronale Aktivität in diejenigen Hirnabschnitten, für die Exekutivfunktionen bedeutsam sind, verstärkt wird. Das erklärt, wieso ADHS-Betroffene in subjektiv interessanten Situation sehr wohl sehr leistungsfähig sein können. Kinder und Erwachsene berichten von grossen Mühen, langweilige Texte lesen oder eintönigen und "uninteressanten" Gesprächen zu folgen. Dies kann im schulischen bzw. beruflichen Fortkommen, aber auch beim Erwerb von sozialen Kompetenzen, fatale Konsequenzen haben. Im gleichen Atemzug berichten uns dieselben Betroffenen, dass sie sich in interessanten Situationen oder bei spannenden Aufgaben und Herausforderungen sehr gut konzentrieren können.
 
Die für alle ADHS-Patienten charakteristische Eigenschaft, sich in stimulierenden und anregenden Situationen sehr viel wohler zu fühlen und kognitiv und emotional sehr viel besser "zu funktionieren", hat Auswirkungen auch auf die Diagnostik:
 
Stellen nämlich die konkreten Untersuchungsbedingungen einer diagnostischen Abklärung für den Probanden eine subjektiv interessante oder gar eine spannende Herausforderung dar, ist es eher eine Ausnahme, wenn sich während der klinischen Exploration Störung der Aufmerksamkeit und der Konzentration manifestieren.
Analoges gilt natürlich für testpsychologische Abklärungen. Kurz gesagt stellen viele der neuropsychologischen Tests für zu viele ADHS-Betroffene eine stimulierende Herausforderungen dar. Die Tests sind oft zu interessant und vor allem zu kurz und somit nicht immer in der Lage, die im Alltag relevanten Funktionsstörungen abzubilden.



Damit aber noch nicht genug:
Bei den Kernmerkmalen einer ADHS handelt es sich bekanntlich nicht gerade eben um sehr spezifische Symptome:
Konzentrationsschwächen, leichte Ablenkbarkeit, Zerstreutheit, Vergesslichkeit, ungenügende behaviorale oder affektive Selbstbeherrschung, also ein chronisches Versagen der inneren Verhaltens- und Gefühlsbremse, schlechte Planungs- und Selbstorganisationskompetenzen, ja, selbst Aufmerksamkeitsstörungen, welche sich in Tests objektivieren lassen, sind Symptome sehr vieler verschiedener psychischer, internistischer oder neurologischer Erkrankungen.

Daraus kann nur folgen, dass differentialdiagnostischen Erwägungen bei Verdacht auf ADHS eine besonders grosse Rolle zukommen muss. Ich komme darauf zurück.

Sie wissen es bereits oder haben es in anderen Workshop heute gehört: Eine ADHS beginnt nicht mit erst mit 30, sondern obligat in der Kindheit. Und: Es ist nicht das blosse Vorliegen der in den DSM-IV definierten Kriterien, welche eine ADHS ausmachen, sondern vielmehr die chronischen und negativen Auswirkungen der ADHS-typischen Inhibitionsschwächen auf Lebensgestaltung, soziales Umfeld und Selbstwertgefühl der Betroffenen. Wir können eine ADHS dann diagnostizieren, wenn sich die mit dieser Störung assoziierten Merkmale wie ein roter Faden durch das Leben eines Menschen ziehen, diesen massgeblich daran hindern, seine Persönlichkeit und seine Begabungen zu entfalten und in mehreren Lebensbereichen zu klinisch bedeutsamen Beeinträchtigungen führen. So kommen einer adäquaten Diagnostik der ADHS also nicht nur den Differentialdiagnosen, in erster Linie der Anamnese eine zentrale Rolle zu.
 
Bei Kindern liegen uns hierfür gut untersuchte und ökonomisch durchführbare standardisierte Sreeninginstrumente vor. Wünschenswert wäre es nun, wenn wir auch bei der Beurteilung Erwachsener über bewährte standardisierte anamnestische Ratingscales verfügen könnten. Sie kennen oder haben gehört von der Wender Utha Rating Scale (WURS). Es handelt sich um einen auch in Europa verbreiteten auf amerikanischen Normen beruhenden anamnestischen Selbstbeurteilungsbogen. Bei 61 ADHS-relevanten Verhaltensmerkmalen wird gefragt, wie stark sich diese im Alter zwischen 6 und 10 gezeigt haben. In Validierungsuntersuchungen erwies sich die WURS als sensitiv. Das heisst, die Wahrscheinlichkeit, dass jemand mit ADHS dann einen positiven Befund ausweist, ist gross. Leider ist aber die Wahrscheinlichkeit, dass ein Nicht-ADHS-Patient in der WURS dann auch einen negativen Befund erhält, viel zu klein. Eine vor zwei Jahren veröffentlichte Studie zur diskriminativen Validität der WURS zeigte, dass mit diesem Testverfahren zu viele Patienten falsch ADHS-positiv klassifiziert werden.

Angesichts der Komplexität des klinischen Bildes der ADHS, der Verflochtenheit mit komorbiden Störungen und der diagnostischen Unsicherheit ist vor allem bei Erwachsenen das Bedürfnis nach objektiven Grundlagen für eine ADHS-Diagnostik sehr, sehr berechtigt. Es existieren aber m.W. bis heute keine ausreichend bewährte und an grossen europäischen Stichproben überprüfte standardisierte Checkliste oder eine neuropsychologische Testreihe, welche es im klinischen Alltag erlauben würde, aufgrund eines oder mehrerer positiver Testbefunde mit ausreichend hoher Wahrscheinlichkeit eine ADHS zu identifizieren und genügend sicher von anderen Erkrankungen zu unterscheiden.

Werden neuropsychologische Testleistungen von erwachsenen ADHS-Patienten mit Gesunden verglichen, lassen sich zwar meist auffällige und nicht normgerechte Testresultate feststellen.
Aber auch die neuropsychologische Untersuchung von Patienten mit anderen psychiatrischen Diagnosen ergeben Auffälligkeiten im Bereich der Exekutiv-, Aufmerksamkeits- und Gedächtnisfunktionen. Signifikante Unterschiede gegenüber anderen klinischen Stichproben haben sich nur in wenigen Vergleichsstudien und dann erst noch z.T. in unterschiedlichen kognitiven Funktionsbereichen feststellen lassen. Da bei ADHS im Erwachsenenalter bei rund ¾ aller Fälle komorbide psychische Störungen bestehen, tja..., was dann misst dann unser Test eigentlich?

So unklar und komplex vieles auch ist, einige wenige Anhaltspunkte haben wir zum Glück:

Studien belegen und bestätigen damit auch meine Erfahrungen, dass nämlich ADHS-Kinder im Vergleich zu den gesunden Kontrollkindern vor allem in Aufmerksamkeitstests Leistungen erbringen, die bedeutsam fehlerhafter sind und vor allem in den Reaktionszeiten grössere Schwankungen aufweisen. Aber Vorsicht: Man darf das nun aber nicht umdrehen: Untersuchen wir in der Niederlassung auffällige Kinder mit ADHS-Verdacht, dann sind schlechte oder gute Leistungen in diesen Tests nicht automatisch ein Beleg für oder gegen eine ADHS-Diagnose. Bloss weil sich bei vielen ADHS-Betroffenen in Untersuchungen charakteristische Aufmerksamkeitsstörungen objektivieren liessen, heisst das nicht automatisch, dass die in Einzeluntersuchungen festgestellten Defiziten dieser Art dann zwingend zu einer ADHS gehören müssen.

Vor allem der im klinischen Alltag äusserst wichtige negative Voraussagewert eines Tests, also die Wahrscheinlichkeit, dass ein Patient mit negativem Testausfall ausreichend sicher keine ADHS hat, ist bei ADHS-Schnelltests und Ratingsscales vielfach nicht ausgewiesen. Was nützen also angeblich genaue ADHS-Tests, die es ermöglichen sollen, bei einem ADHS-Patienten sicher eine ADHS zu erkennen, es aber offen lassen, ob ein Patient mit negativem Testausfall dann auch tatsächlich keine ADHS hat?

Die ganze neuropsychologische ADHS-Diagnostik auf einen Schlag vereinfachen würde die Entdeckung eines einfach nachzuweisenden ADHS-spezifischen Aufmerksamkeitsdefizits. Ein ausschliesslich bei der ADHS vorkommendes, spezifisches und zuverlässig objektivierbares Aufmerksamkeitsdefizit konnte indes bisher nicht ausgemacht werden. Wahrscheinlich wird man "es" gar nie entdecken, da "es" gar nicht existiert: Die uneinheitlichen neuropsychologischen Befunde und die verschiedenen klinischen Erscheinungsformen, Komorbiditäten und Verläufe einer ADHS lassen es m.E. erwarten, dass zukünftige Forschungsbemühungen zu einem differenzierteren Konzept dessen führen, was wir heute zusammenfassend unter dem Modell der ADHS zu verstehen versuchen. 

Wenn jetzt aber Tests und standardisierte Selbst- und Fremdanamnesen bis heute

...dann werden Sie sich natürlich fragen, ob psychometrische Tests bei ADHS-Abklärungen denn überhaupt noch Sinn machen.

Wenn unauffällige psychologische Testbefunde eine ADHS nicht auszuschliessen vermögen, wird dann im Alltag durch den Einsatz psychometrischer Verfahren nicht sogar falschen Beurteilungen und Kunstfehlern Vorschub geleistet? Sollte man gar besser auf Tests ganz verzichten und sich auf eine gründliche Anamnese, die DSM-IV-Kriterien, seine klinische Erfahrung und Intuition verlassen?

Immerhin verfügen wir bereits über einen zuverlässigen "ADHS-Referenztest" im Rang eines diagnostischen Goldstandards (gemeint ist diejenige Untersuchung, die den Zustand eines Patienten so wahrheitsgetreu wie möglich erfasst). Ich meine die empirisch gut abgestützten und zuverlässigen diagnostischen Kriterien der DSM-IV.

Einige ADHS-Experten und mehrere Guidelines zur Diagnostik der ADHS postulieren denn auch, dass zur Diagnose bei Kindern und Erwachsenen keine neuropsychologischen Tests erforderlich sind.

Ich kann dem nicht zustimmen.

Das DSM-IV-Kriterium E der verlangt zwingend die Berücksichtigung von Differentialdiagnosen. Dazu zählen nicht nur psychopathologische und neurologische Erkrankungen, sondern – auch wenn sie in dem DSM nicht namentlich erwähnt werden – selbstverständlich auch Folgen von zerebralen Funktionsstörungen.

Folglich müssen wir nicht nur Differentialdiagnosen auf der Ebene psychopathologischer Erkrankungen oder psychosozialer Umstände erwägen, sondern vor allem auch auf der primären Ebene der neuropsychologisch beschreibbaren kognitiven Funktionen und deren Störungen.

Bei Kindern sind damit gemeint nicht nur die Legasthenie, sondern auch sog. Nonverbale Lernstörungen wie räumlich-konstruktive Störungen oder Störungen der visuell-figuralen Merkfähigkeit. Gerade räumlich-konstruktive Störungen* gehören zu den häufigsten Folgen zerebraler Dysfunktionen unterschiedlichster Genese. Nur logisch ist nämlich, dass Kinder mit diesen Störungen versuchen, ihre Defizite – etwa in der Raumverarbeitung - durch eine Aufmerksamkeitszuwendung auf Ersatzmechanismen kompensieren. Sie wirken dann unflexibel, ablenkbar und unsicher und zeigen Störungen der visuellen Aufmerksamkeit.

Kinder mit diesen Störungen können sekundär Lern- und Verhaltensstörungen zeigen, welche denen einer ADHS täuschend ähnlich sein können.

Um also sicherzustellen, dass es sich bei den im Alltag manifestierenden Konzentrations- und Verhaltensproblemen wirklich um Folgen einer primären Störung der Aufmerksamkeitsfunktionen und der Verhaltenskontrolle und nicht etwa Folgen einer Teilleistungsstörung wie z.B. aus der Gruppe der o.g. Nonverbalen Lernstörungen handelt, kann auf eine kognitive Statusdiagnostik nicht verzichtet werden.

Auch wenn die Teilleistungsstörungen komorbid zu ADHS bestehen, unsere Patienten also „Läuse und Flöhe“ haben, müssen natürlich auch diese Begleitstörungen erkannt und ergänzend zur medikamentösen Therapie beispielsweise ergotherapeutisch behandelt werden.

Also: Ohne umfassende neuropsychologische Abklärung ist das Ausschluss-Kriterium E der DSM-IV Kriterien nicht wirklich verifizierbar.

Die Beschränkung auf eine rein psychopathologische Sicht der ADHS und eine Vernachlässigung einer neuropsychologischen Perspektive erscheint speziell bei diesem Störungsbild unlogisch, denn eine ADHS beruht selbst im Erwachsenenalter zwingend auf persistierenden neuropsychologisch beschreibbaren Funktionsstörungen.

 

Wir führen bei uns Verdacht auf ADHS ergänzend zur Anamneseerhebung und der Exploration immer eine kognitive Statusdiagnostik, also eine umfassende Prüfung u.a. der Wahrnehmungs-, Aufmerksamkeits- und Gedächtnisfunktionen sowie der Raumverarbeitungskompetenzen durch  - und zwar nicht nur zwecks Differentialdiagnosen: Wohl wissend, dass die Resultate, wie immer sie auch ausfallen, eine ADHS-Diagnose weder bestätigen noch ausschliessen, erlauben es uns diese Tests in vielen Fällen, die ADS-typischen kognitiven und behavioralen Defizite oft eindrücklich gut zu dokumentieren.

Meiner Erfahrung nach zeigen ca. 90% aller von uns untersuchten Patienten, bei denen wir eine ADHS diagnostizierten, unabhängig von Alter und Geschlecht und bei intakten Gedächtnisfunktionen charakteristische Resultate in denjenigen Tests, welche Anforderungen an die Aufmerksamkeits- und Verhaltens- bzw. Impulskontrolle stellen. Vor allem bei längeren, monotonen computergestützen Tests, welche auch die Bestimmung von Verlaufsparametern ermöglichen, trennen sich "Spreu vom Weizen".

In einer im August 2000 in der Zeitschrift für Neuropsychologie publizierten durchgeführten Studie zur klinischen Validität eines computergestützten Aufmerksamkeitstest bei ADHS-Kindern, fand ich meine eigenen Beobachtungen weitgehend bestätigt. Die Stichprobe mit 20 ADHS-Buben mit und 20 Kontrollbuben ist zugegebenermassen klein. Die Resultate indes sind umso beeindruckender: Bei allen durchgeführten Subtests zeigten ADHS-Buben bedeutsam schlechte Qualitätsmasse als die Gesunden. Durch zwei Kennwerte, nämlich Fehlerzahlen und Schwankungen der Reaktionszeiten und die Berücksichtigung des Alters konnten 90% der Kinder beider Gruppen richtig klassifiziert und vorausgesagt werden.

Bei diesem auch von uns verwendeten Computertest handelt es sich um die seit Jahren bewährte neuropsychologische Testbatterie zur Aufmerksamkeitsprüfung TAP. Für einige Subtests liegen Normdaten bereits ab dem 6. Lebensjahr vor. Die TAP ist eine in Europa etablierte Testreihe und wird eingesetzt als Teil einer neuropsychologischen Einzelfalluntersuchung, aber auch in Studien. Geprüft werden können u.a. Wachheit und Grad der Aufmerksamkeitsaktivierung, die selektive und geteilte Aufmerksamkeit und die Vigilanz.

Hinweis:
Im Rahmen einer ADHS-Abklärung macht ein Einsatz der TAP oder eines anderen computergestützten Aufmerksamkeitstests alleine keinen Sinn. Aufmerksamkeitsleistungen sind eng mit mnestischen und anderen kognitiven und neuromotorischen Funktionen verwoben. Nur eine umfassende kognitive Statusdiagnostik erlaubt es, allfällig festgestellte Aufmerksamkeitsschwächen in ihrer Relation zu anderen Funktionsbereichen zu verstehen.
 

Eine kognitive Statusdiagnostik unter Einsatz bewährter neuropsychologischer Testreihen trägt dazu bei, die Wahrscheinlichkeit einer korrekten diagnostischen Beurteilung zu erhöhen und kann gewährleisten, dass auch komorbide Teilleistungsstörungen einer spezifischen Therapie zugeführt werden können.

Vergessen wir zum Schluss nicht folgendes:
Selbst unter Einsatz von modernsten computergestützten Verfahren diagnostizieren und behandeln Ärzte und Psychologen immer Menschen und keine Funktionsstörungen. Das gilt auch bei Testuntersuchungen, bei denen das Verhalten und die Rückmeldungen unserer Patienten oft mehr aussagen als Standardabweichungen, Prozent- und T-Wertränge.
 

* Räumlich-konstruktive Störung: Gemeint ist eine Schwäche, einzelne Elemente einer Figur manuell und unter visueller Kontrolle zu einem Ganzen zusammenzufügen. Es handelt sich um eine Form einer konstruktiven Apraxie und gehört zu den Raumverarbeitungsstörungen.

 

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