Diagnostik bei ADHS-Verdacht: Hintergrundinformationen und
praktische Empfehlungen
von
Dipl.-Psych. P. Rossi und
lic. phil. S. Bürgi
Erschienen in ELPOS 36/2008
Einleitung
In den letzten Jahren hat sich auch in der Schweiz das Wissen um die
Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) zunehmend
verbreitet: Internetplattformen, Lehrerfortbildungen, Medienberichte,
Ärzte-Fachtagungen sowie Ratgeberbücher haben wesentlich dazu
beigetragen, dass bei Verhaltens- und Lernproblemen von Kindern heute
auch eine ADHS in Betracht gezogen wird. Was aber konkret tun, wenn man
in einem Zeitschriften- oder Internetartikel Verhaltensauffälligkeiten
des eigenen Kindes treffend beschrieben wiederfindet und nun wissen
möchte, ob bei der Tochter oder dem Sohn eine ADHS vorliegt oder
nicht?Wie vorgehen, wenn die Kindergärtnerin, der Klassenlehrer oder
eine Nachbarin Sie darauf hinweist, dass beim eigenen Kind eine ADHS
vorliegen könnte?
Zahlreiche Fachbücher, Patientenratgeber, Websites und
Zeitschriftenartikel befassen sich intensiv mit Fragen zur Therapie der
ADHS. Die meisten Publikationen setzen eine korrekte Diagnostik und
ADHS-Diagnose als selbstverständlich gegeben voraus. Nach
Detailinformationen zum diagnostischen Vorgehen suchen Eltern, die bei
ihrem Kind (oder bei sich selbst) eine ADHS vermuten, in Ratgeberbüchern
meistens vergebens.
Im Folgenden werden wir gestützt auf den aktuellen Wissensstand sowie
unter Berücksichtigung von eigenen und langjährigen Erfahrungen
zusammentragen, was Eltern wissen und veranlassen müssen, um
herauszufinden, was mit ihrem Kind los ist und wie ihm am besten
geholfen werden kann.
Das Wichtigste: Verantwortung übernehmen
Mit dem Internetzeitalter entwickelt sich auch bezüglich Medizin /
Psychologie / Gesundheit in zunehmendem Masse ein
Konsumentenbewusstsein: Verschreibt uns die Hausärztin ein
Medikament gegen - nehmen
wir einmal an - zu hohen Blutdruck, recherchieren wir darüber im
Internet oder konsultieren Ratgeberbücher. Und vor Operationen etwa oder
bei empfohlenem Einsatz von Psychopharmaka bei Kindern bemühen wir uns
um eine fachliche Zweitmeinung. Konsumentinnen und Konsumenten von
medizinischen, psychiatrischen und psychologischen
Dienstleistungen bietet sich heute somit mehr denn je die Möglichkeit,
Verantwortung auch für die eigene Gesundheit zu übernehmen. Auch beim
Wissen über Ursachen, Diagnostik und Therapie der ADHS handelt es sich
ja nicht um Elemente einer Geheimwissenschaft, welche nur den „Doktoren“
oder anderen Fachpersonen vorbehalten bleibt. Im Gegenteil: Auch das
Wissen um die ADHS ist heute allen Interessierten frei zugänglich.
Niemand muss Psychologie oder Medizin studiert haben, um nachvollziehen
zu können, was eine ADHS ist, wie sie entsteht, wie sie formal korrekt
diagnostiziert und nach den Regeln der Kunst behandelt werden kann. Ein
grosser Teil der Ratgeberliteratur und viele Internetseiten zur ADHS
sind heute wissenschaftlich so fundiert, dass selbst Fachpersonen
populärwissenschaftliche Bücher und Websites als Informationsquelle mit
beiziehen.
Bauchgefühl und gesunder Menschenverstand
Neben dem Wissen, welches sich Eltern aneignen können, ist es wichtig
auch den eigenen Wahrnehmung und Gefühlen trauen. Halten Sie sich vor
Augen, dass die ganze Evolution des Menschen es nicht ermöglicht hätte,
dass wir diese Zeilen geschrieben haben und Sie sie jetzt lesen, wenn
Mütter nicht „instinktiv“ richtig gehandelt hätten. Gerade diese
Fähigkeit von Müttern, spontan richtig zu handeln, ist nicht zu
unterschätzen. Zugegeben: Psychologinnen, Pädagogen und Psychiater mögen
viel wissen und verstehen. Das aber kann nie all das ersetzen, was eine
Mutter in ihrem Innern spürt und was sie an ihrem Kind wahrnimmt. Da
sind wir uns sicher. Sehr vieles, was wir bei unserer täglichen Arbeit
bis jetzt über die ADHS wirklich verstanden haben, wissen wir von
Müttern betroffener Kinder. Gleichzeitig führen diese Erkenntnisse zu
immer neuen Fragen und zeigen uns damit, wie bescheiden wenig wir
eigentlich über die ADHS wissen.
Glauben oder Wissen
Den Eltern unserer jungen Patientinnen und Patienten raten wir jeweils:
„Glauben Sie niemandem, auch
uns nicht!“ Wir sind schliesslich nicht in der Kirche, sondern in
einer Praxis. Nein, Medizin und Psychologie sind Wissenschaften. Das
bedeutet zwar in keiner Weise, dass man sich heute alles
wissenschaftlich erklären kann und auf alle Fragen zur menschlichen
Daseinsweise Antworten parat hat. Es heisst aber unter anderem doch,
dass die meisten Methoden und Erklärungsversuche der Psychologie und der
Medizin wissenschaftlich begründet und überprüfbar sein müssen. Sie
dürfen also bei Interesse Ihren Arzt ruhig fragen, woher er weiss, dass
Stimulanzien in der Regel gut verträglich sind. Und fragen Sie auch die
Psychotherapeutin Ihres Kindes, wieso sie mit einem ADHS-Buben
ausgerechnet eine Sandspieltherapie und nicht eine andere Behandlung
durchführen will. Fachpersonen stützen ihr diagnostisches und
therapeutisches Handeln auf den aktuellen Stand der Forschung ab und
sind auf Anfrage hin gerne bereit, dieses zu begründen und zu belegen.
Also: Je mehr Sie selbst wissen, was die ADHS ist beziehungsweise was
nicht und je klarer Ihnen wird, wie Ihr Kind untersucht und
behandelt werden soll, um so aktiver können Sie diesen Prozess begleiten
und mitgestalten. Immerhin: Liegt eine ADHS vor, so ist ja in vielen
Fällen neben anderen therapeutischen und pädagogischen Massnahmen auch
eine medikamentöse Therapie angezeigt. Mitzudenken und Verantwortung
übernehmen könnte sich dann besonders lohnen.
Was bedeutet eigentlich „Diagnostik“?
Um Übersicht über die Fülle der Beschwerden,
Symptome, Vorerkrankungen, Befunde und psychosozialen
Rahmenbedingungen eines Patienten oder einer Patientin gewinnen zu
können, benötigen ärztliche und psychologische Fachpersonen Diagnosen.
Der Begriff „Diagnose“
stammt aus dem Griechischen und meint wörtlich übersetzt
„Durchforschung“ im Sinne
von Unterscheidung oder Entscheidung („dia“ = durch und „gnósi“ = die
Erkenntnis, das Urteil). In der Medizin und der Psychologie bedeutet
Diagnose also Entscheidung im Sinne einer möglichst genauen Zuordnung
von Symptomen,
diagnostischen Zeichen und
Befunden zu einer oder mehreren diagnostischen Kategorien
beziehungsweise zu Krankheitsbegriffen. Die Methoden der Diagnosefindung
nennt man Diagnostik. Sie stellt für jede Ärztin und jeden Psychologen
ein unverzichtbares Handwerkszeug dar und dient der sorgfältigen Planung
und Überprüfung jeder Therapie. Zur Diagnosefindung zählen unter anderem
Untersuchungsgespräche, das Erheben der Vorgeschichte und der
Familienkrankengeschichte sowie die Analytik (zum Beispiel
neuropsychologische Tests, Labor, EEG oder sogenannte bildgebende
Verfahren).
Diagnostik = ganzheitliches Erfassen
Im Gegensatz zu einem unkomplizierten Beinbruch sind psychische
Erkrankungen oder Entwicklungsstörungen, zu denen auch die ADHS zählt,
meistens vielschichtig und komplex. Um dieser Tatsache gerecht zu
werden, verlangen die heute weltweit gebräuchlichen und anerkannten
Diagnostiksysteme (DSM-IV, ICD-10 Kinder) eine sogenannte „multiaxiale“
Perspektive. Dabei soll
jede Patientin und jeder Patient auf folgenden fünf „Achsen“ beurteilt
werden: aktuelle klinische Problematik, umschriebene
Entwicklungsstörungen, Intelligenzniveau, körperliche Symptomatik,
psychosoziale Umstände sowie psychosoziales Anpassungsniveau (wie gut
kommt das Kind mit den äusseren Anforderungen zurecht). Diese
multiaxiale Sichtweise stellt eine realistischere und ganzheitlichere
Erfassung der Problematik sicher, als es bei der alleinigen Beschränkung
auf das klinisch im Vordergrund Liegende möglich wäre. Der Einsatz
dieser Diagnostiksysteme senkt das Risiko, dass eine ADHS zwar richtig
diagnostiziert, weniger offensichtliche, aber trotzdem
behandlungsbedürftige Störungen hingegen übersehen werden
(beispielsweise eine Rechtschreibstörung, psychische Folgen einer sich
im Hintergrund abspielenden Kampfscheidung der Eltern, pathologisch
hoher Konsum von Bildschirmmedien oder Mobbing in der Schule). Alle
diese Faktoren sind diagnostisch hoch relevant und können für das
Wohlsein und die Genesung von Kindern mit ADHS von entscheidender
therapeutischer Relevanz sein.
Welche Erklärungen sonst noch in Frage kommen können
(Differentialdiagnose)
Um der Tatsache Rechnung zu tragen, dass ADHS-typische Symptome auch bei
anderen psychischen Problemen, Erkrankungen und Belastungsfaktoren
auftreten können, verlangt das oben erwähnte diagnostische
Klassifikationssystem DSM-IV zur Diagnosestellung einer ADHS im
Kriterium „E“ zwingend die
Berücksichtigung von sogenannten Differentialdiagnosen (auch im
Diagnostiksystem ICD-10 der WHO spielt dieser Aspekt eine wichtige
Rolle). Als Differentialdiagnose (in
Untersuchungsberichten übrigens oft
abgekürzt
mit „DD“)
bezeichnet man auch in der Psychiatrie die Gesamtheit aller Diagnosen,
die
neben
der Hauptdiagnose
als
mögliche
Erklärungen
für ein
Symptom (Krankheitszeichen)
oder eine Kombination mehrerer Symptome
dienen könnten.
Gemeint sind damit also andere denkbare Störungsbilder mit
ähnlicher Symptomatik.
Bei Verdacht auf Vorliegen einer ADHS müssen im diagnostischen Prozess
also alle anderen Erklärungsmöglichkeiten von Aufmerksamkeitsproblemen,
von Hyperaktivität und Impulsivität systematisch ausgeschlossen werden.
Dazu gehören, ohne Anspruch auf Vollständigkeit und in unsystematischer
Reihenfolge:
Schlafstörungen, Störung des Sozialverhaltens, Depressionen,
Raumverarbeitungsstörungen, familiäre Spannungen, schulische
Überforderung, Merkfähigkeitsstörungen, Tic-Störungen oder
Tourette-Syndrom, Wahrnehmungsstörungen, Lese- und Rechtschreibstörung,
Hochbegabung, Perfektionismus, Lernbehinderung, juvenile Schizophrenie,
Eisen-, Magnesium- und andere Mangelzustände, Epilepsie, Angststörungen,
Dyskalkulie, übermässiger Konsum von Bildschirmmedien,
Hypersensibilität, nonverbale Lernstörungen, Hirnerschütterungen und
andere Hirnverletzungen, posttraumatische Belastungsstörung,
Vergiftungen, Stoffwechselstörungen (Schilddrüse), oppositionelle
Verhaltensstörungen, Online- und PC-Game-Sucht, Mobbing, Cannabis-,
Lösungsmittel- und Alkoholkonsum, zu hohe Erwartungen der Eltern,
emotionale Vernachlässigung, neurologische oder genetische Syndrome,
(sexuelle) Gewalterfahrungen sowie Störungen aus dem autistischen
Spektrum.
„Flöhe + Läuse“: Diagnostik von Begleiterkrankungen
Erschwert wird die Diagnostik der ADHS durch den Umstand, dass
zahlreiche der oben aufgeführten Beschwerden, Erkrankungen und Diagnosen
einer ADHS nicht nur täuschend ähnlich sein, sondern auch
gemeinsam mit ihr
auftreten können. Fachpersonen sprechen in diesem Zusammenhang von
sogenannt komorbiden Störungen,
welche bei Vorliegen einer ADHS-Hauptdiagnose in rund 80% diagnostiziert
werden. Eine ADHS kommt bekanntlich selten alleine. Eine gründliche
Diagnostik ist also schon deshalb
unerlässlich, da neben
körperlichen oder psychosozialen Belastungsfaktoren immer auch andere,
gleichrangige Erkrankungen vorliegen können. Im klinischen Alltag
sollten sich Fachpersonen angesichts der nachweislich hohen
Auftretenshäufigkeit der ADHS bei Kindern mit Depressionen,
Angstproblemen oder Lernstörungen daher immer auch die Frage stellen, ob
im Hintergrund der Problematik nicht vielleicht eine ADHS stehen könnte.
Aber Achtung! Das Gleiche gilt natürlich auch umgekehrt:
Konzentrationsprobleme können auch Anzeichen beispielsweise von
Angstproblemen, Mobbing, Depressionen, Beziehungsproblemen oder etwa
Folgen von überhöhten elterlichen Erwartungen an das Kind darstellen.
Vor allem Fachpersonen, die sich erst seit kurzem mit der ADHS befassen
und noch nicht wissen, dass Aufmerksamkeitsstörungen häufig auftretende
Begleitsymptome vieler Erkrankungen sind, neigen dazu,
Aufmerksamkeitsprobleme kurzerhand mit der ADHS zu verwechseln. Eine
Diagnostik bei ADHS-Verdacht muss nicht in erster Linie nachweisen,
ob,
sondern
warum Aufmerksamkeits- und
Impulsregulationsstörungen vorliegen. Da schliesslich
bei Vorliegen einer ADHS in vielen Fällen unter anderem eine
medikamentöse Therapie angezeigt ist, ist nicht zuletzt schon deswegen
eine korrekte diagnostische Beurteilung von höchster Bedeutung.
Muss das alles so kompliziert sein?
Der Umstand, dass es sich bei ADHS um ein facettenreiches Störungsbild
handelt, dass andere psychische Erkrankungen, Entwicklungsstörungen oder
psychosoziale Belastungen ähnliche Symptome erzeugen können und dass
schliesslich die ADHS mit anderen, therapeutisch ebenfalls relevanten
Problemen einhergehen kann, verleiht einer zuverlässigen Diagnose
besonders grosses Gewicht. Aber muss das denn alles so kompliziert sein,
werden Sie sich vielleicht fragen. Die Antwort lautet: ja und nein.
Ja, es muss
Man kann es drehen und wenden wie man will: Im
Vergleich zu sehr vielen anderen Entwicklungsstörungen und psychischen
Erkrankungen des Kindes-, Jugend- und Erwachsenenalters sind die
Hauptsymptome der ADHS für sich gesehen wenig charakteristisch.
Bezüglich der Kernsymptomatik gibt es sehr viele Überlappungen zu
anderen psychischen Störungen, Teilleistungsstörungen und psychosozialen
Belastungsreaktionen. Bei Angsterkrankungen, Zwangsstörungen,
Depressionen und erst recht bei Störungen aus dem autistischen Spektrum
umreissen die Leitsymptome den Kern dieser Störungen viel genauer als
bei der ADHS. Konkret: Die Wahrscheinlichkeit, dass eine Fachperson
beispielsweise bei einer Angststörung die richtige Diagnose stellt, ist
nur schon durch die Einzigartigkeit der Kernsymptome von
Angsterkrankungen sehr viel höher als bei der ADHS mit seiner
unspezifischen Symptomenvielfalt. Ja, das Störungsbild der ADHS, so wie
es heute in den Klassifikationssystemen der DSM-IV und der ICD-10
konzipiert wird, ist sehr facettenreich. Denken wir nur einmal daran,
wie stark sich in Schule und Familienalltag der sogenannt unaufmerksame
vom hyperaktiven Typus der ADHS unterscheidet und wie verschieden sich
die ADHS bei Mädchen und Buben, bei Männern und Frauen entwickeln kann:
Hier das stille, übermässig verträumte, vergessliche, hypoaktive und
ängstliche Mädchen mit der „langen Leitung“. Dort der laute,
hyperaktive, provozierende, motorisch ungeschickte und überall aneckende
ADHS-Knabe. Und da schliesslich der erwachsene ADHS-Betroffene, der
chronische Temposünder und „Adrenalin-Junkie“ mit ständigem Stellen- und
Partnerwechsel, welcher immer Neues anreisst, allen Vieles verspricht,
kaum etwas zu Ende bringt, sich chronisch verspätet und unter seinem Ruf
der Unzuverlässigkeit seelisch zerbricht.
Bei der ADHS haben wir es leider nicht mit einem Syndrom zu tun, welches
durch ein weitgehend identisches Symptomenmuster gekennzeichnet ist. Im
Gegenteil: Die ADHS ist charakterisiert durch eine grosse
Kombinationsmöglichkeit verschiedenster Symptome. Auch hinsichtlich des
Krankheitsverlaufes zeichnet sich die ADHS als nicht besonders
charakteristisch aus: Ein typischer Krankheitsverlauf, wie wir ihn etwa
bei Angststörungen, Depressionen oder Störungen aus dem autistischen
Spektrum her kennen, kennen wir bei der AHDS nicht.
Nein, es muss nicht
Die Frage war: „Muss das alles so kompliziert sein?“ Der zweite Teil der
Antwort lautet: nein. Und zwar weil es im Rahmen einer fachgerecht
durchgeführten Diagnostik zum Alltag eines jeden Arztes und einer jeden
Psychologin gehört, aus der komplexen und komplizierten Vielfalt und
Vielschichtigkeit der je individuell vorliegenden Probleme eines
Menschen eine einfache und übersichtliche diagnostische Auslegeordnung
zu gewinnen. Diagnosen sind höchstens falsch oder unvollständig, aber
nie kompliziert.
Wozu eine langwierige Diagnostik ? Reicht nicht der „Ritalin-Test“?
Leider verfügen wir bis heute über kein diagnostisches Verfahren,
welches Fachpersonen ermöglicht, zuverlässig, einfach und schnell eine
ADHS festzustellen oder auszuschliessen. Zwar weist ein positives
Ansprechen auf Stimulanzien darauf hin, dass möglicherweise eine ADHS
vorliegt. Als Test eignet sich ein medikamentöser Behandlungsversuch
indes nicht. Nicht alle ADHS-Betroffenen sprechen auf Stimulanzien an:
Rund 20 % gelten als sogenannte Non-Responder. Aber selbst wenn alle
ADHS-Patienten auf diese Medikamente ansprechen würden, könnte man mit
diesem „Test“ keine allfällig vorliegenden und möglicherweise
therapierelevanten Begleitprobleme erfassen. Deswegen: "Ritalin-Test" –
nein danke!
Wie eine Abklärungsmöglichkeit finden?
Laut Berichte vieler Eltern führt der direkteste Weg zu
Abklärungsstellen (Praxen, Kinder- und Jugendpsychiatrische Dienste
usw.) über Selbsthilfeverbände
(in der Schweiz die ELPOS): Gestützt
auf Rückmeldungen von anderen Eltern können die Regionalstellen über
bewährte Abklärungsmöglichkeiten informieren. Das ist sehr viel wert und
kann dem Kind und den Eltern viele Umwege und viel Leid ersparen.
Parallel dazu sollte immer auch die Kinderärztin bzw. der Kinderarzt
angefragt werden. In der Schweiz sind zahlreiche Pädiaterinnen und
Pädiater auf diesem Gebiet sehr qualifiziert und führen bei
ADHS/POS-Verdacht selbst Abklärungen durch.
Als problematisch erwies sich dabei in einigen Fällen, dass von
Kinderärzten eine ADHS zwar korrekt erkannt und behandelt wurde,
therapeutisch relevante Begleitprobleme aber übersehen wurden (familiäre
Probleme, Teilleistungsstörungen, andere psychische Erkrankungen des
Kindesalters usw.). Daneben sind es in erster Linie
Kinderpsychiaterinnen und Kinderpsychiater sowie vor allem klinische
Psychologinnen und Psychologen, welche sich mit diesen Fragestellungen
befassen. Bei diesen zwei Berufsgruppen erwies es sich in der
Vergangenheit teilweise als problematisch, dass noch nicht alle
Kolleginnen und Kollegen auf dem aktuellen Stand der Forschung sind: So
kommt es heute immer noch vor, dass die ADHS-Problematik ausschliesslich
unter einer systemischen oder psychodynamischen Perspektive (gemeint
sind traditionelle Psychotherapieschulen) gesehen und als Ausdruck von
Bindungs- und/oder elterlicher Beziehungsprobleme konzipiert wird und
die neurobiologischen Aspekte gänzlich ausgeblendet werden. Auch das
Fachwissen über die Möglichkeiten und Risiken einer ADHS-Therapie mit
Stimulanzien ist noch nicht allen Fachpersonen gewärtig. Bei den
Schulpsychologinnen und -psychologen schliesslich ist es so, dass diese
Berufsgruppe sich primär mit gesunden Kindern mit Schulproblemen und
nicht mit klinischen, psychopathologischen Fragestellungen befassen. Für
ADHS-Abklärungen sind Schulpsychologinnen und -psychologen nicht
ausgebildet und nicht ausgerüstet. Letztlich nützt aber alle
Fachkompetenz wenig, wenn Sie sich als Mutter und Vater von der
Fachperson zu wenig ernst genommen und menschlich nicht verstanden
fühlen.
Praxistipps: Checkliste (nicht nur) für Eltern
Aus den bisherigen Ausführungen wurde klar, dass es sich bei ADHS um ein
komplexes Störungsbild handelt, das selbst für viele Fachpersonen eine
Herausforderung darstellt. Die folgende Checkliste soll
Eltern Anhaltspunkte liefern, worauf im
Verlauf einer Abklärung alles geachtet werden soll. Ziel ist, dass am
Ende einer Abklärung Entscheidungsgrundlagen vorliegen, welche es Eltern
ermöglichen sollen, die ihnen unterbreiteten Diagnosen und
therapeutischen Massnahmen kompetent beurteilen zu können.
Ja, die Fachperson ist für diese Abklärung hinreichend qualifiziert.
Begründung: Um eine ADHS genügend sicher von anderen
Störungsbildern abgrenzen zu können, welche eine ähnliche Symptomatik
aufweisen, sind eine ärztliche oder psychologische Grundausbildung, ein
breites Fachwissen sowie Berufserfahrung bezüglich der Psychopathologie
des Kindes- und Jugendalters, der Entwicklungspsychologie und im
Speziellen zum Thema der ADHS unerlässlich. Haben Sie keine Hemmungen,
die Psychologin oder den Arzt nach seinem Wissen über und seinen
Erfahrungen mit ADHS- und anderen Patienten mit psychiatrischen,
entwicklungspsychologischen oder neuromotorischen Störungsbildern zu
fragen. Es geht immerhin nicht um eine Autoreparatur, sondern um Ihr
Kind.
Ja, die Fachperson erklärt uns beim Erstkontakt, was genau auf das Kind und uns Eltern zukommt, wie die Untersuchung im Einzelnen abläuft, wieso diese Schritte erforderlich sind und was von einer Abklärung erwartet werden kann.
Begründung: Je besser die Eltern über den Untersuchungsablauf
informiert werden, um so einfacher ist es für sie, mitzudenken und
Verantwortung zu übernehmen. Schliesslich benötigen Eltern
Entscheidungsgrundlagen, um sich für oder gegen eine Abklärung bzw. für
oder gegen eine Therapie zu entscheiden. Selbst wenn der Problemdruck
gross ist, sollten sich die Eltern Zeit lassen und für die Untersuchung
gegebenenfalls noch einen zweiten Fachmann oder eine zweite Fachfrau
konsultieren. Ausserdem: Kinder arbeiten in der Diagnostik (und später
auch in der Therapie) sehr viel motivierter mit, wenn sie spüren, dass
die Eltern Bescheid wissen und voll hinter einer Abklärung stehen.
Ja, die Fachperson nimmt sich für uns und die gründliche Untersuchung des Kindes genügend Zeit.
Begründung: Eine Untersuchung eines Kindes mit Verdacht auf
Vorliegen einer ADHS umfasst je nach Alter normalerweise ein ca.
dreiviertel bis einstündiges Untersuchungsgespräch sowie eine
mehrstündige neuropsychologische und neuromotorische Standortbestimmung.
Ja, die Fachperson erkundigt sich, ob und wenn ja wo unser Kind zurzeit sonst noch untersucht wird oder in Behandlung steht.
Begründung: Doppelspurigkeiten sollen vermieden werden. Wurde ein
Kind beispielsweise kürzlich neurologisch, ergotherapeutisch oder
schulpsychologisch untersucht, wird die Fachperson - ausgerüstet mit
einer Vollmacht der Eltern - bei der betreffenden Fachstelle die
relevanten Informationen einbestellen und diese bei der
Untersuchungsplanung mit einbeziehen.
Ja, bei der Abklärung meines Kindes wird wirklich nur das Nötigste gemacht. Alle diagnostischen Schritte sind von therapeutischer Relevanz.
Begründung: Kinder mit Verhaltens- und Lernproblemen sind bereits
im Schul- und Familienalltag hohen Belastungen ausgesetzt. Das gilt im
Speziellen auch für die Bezugspersonen dieser Kinder. Bei allen
medizinischen und psychologischen Untersuchungen gilt immer der
Grundsatz „so wenig wie möglich, so viel wie nötig“. Es macht einfach
keinen Sinn, Untersuchungsschritte durchzuführen, welchen keine
therapeutische Relevanz zukommt.
Ja, die bei meinem Kind angewandten Untersuchungsmethoden sind wissenschaftlich überprüft und nachweislich zur Diagnose bzw. zum Ausschluss einer ADHS und anderer Störungen, welche einer ADHS ähnlich sind, geeignet. Unsere Fragen hierzu werden ernst genommen und in Ruhe beantwortet.
Begründung: Als Patienten steht uns allen das Recht zu, dass wir
„lege artis“, also nach allen Regeln der medizinischen und
psychologischen Kunst untersucht und behandelt werden. Von den
Untersuchungsresultaten hängt ja enorm viel ab: Es geht nicht nur um die
Frage eines allfälligen Einsatzes von Psychopharmaka, sondern generell
um das Wiedererlangen von Wohlsein, schulischem Erfolg und elterlicher
Anerkennung. Vielen ist nicht bekannt, dass der in der Schweiz
bekannteste POS-Untersuchungsgang nie nach wissenschaftlichen und
testpsychologischen Kriterien überprüft und normiert wurde. Trotzdem
haben die Resultate dieser Testreihe oft weitreichende - positive wie
negative - therapeutische und versicherungsrechtliche Konsequenzen.
Ja, die Fachperson wies uns darauf hin, dass es keinen Test oder keine Testreihe gibt, welche eine 100% sichere ADHS-Diagnostik erlaubt.
Begründung: Psychologische Tests dienen in erster Linie dem
Ausschluss anderer Störungen, welche zu ADHS-ähnlichen Problemen in
Schule und Alltag führen. Es gibt bis heute also keinen „ADHS-Test“.
Entscheidend ist, wie sich die Problematik seit der frühen Kindheit
entwickelte, wie sie sich gegenwärtig zeigt und in welchem Ausmass ein
Kind durch diese Probleme behindert wird sich zu entfalten. Als
Beurteilungsinstrument dienen den Fachpersonen die oben erwähnten
wissenschaftlich abgestützten diagnostischen Manuale.
Ja, bei der Fachperson (oder via Überweisung an einen Spezialisten oder eine Spezialistin) erfolgt auch eine neuropsychologische Untersuchung.
Begründung: Eine neuropsychologische Untersuchung erlaubt eine
zuverlässige Beurteilung der Frage, ob den Verhaltens- und
Schulproblemen eines Kindes nicht primär (Entwicklungs-)
Störungen beispielsweise der visuellen, auditiven oder sozialen
Wahrnehmung, der Gedächtnisfunktionen oder beispielsweise des räumlichen
Vorstellungs- und Umsetzvermögens zugrunde liegen.
Diese genannten Funktionsstörungen, aber auch die Lese- und
Rechtschreibstörung oder die nonverbale Lernstörung (NLD), können sich
im Alltag ganz ähnlich einer ADHS zeigen und damit eine ADHS
vortäuschen. Mit einer neuropsychologischen Untersuchung sollen also
nicht nur allfällige Konzentrationsschwächen, sondern auch andere
neuropsychologisch relevante Funktionsstörungen erfasst werden. Dies ist
für ein ganzheitliches und wirksames Therapiekonzept relevant, selbst
wenn es sich bei diesen Faktoren nicht um das Hauptproblem handeln
sollte. Unerkannte oder unbehandelte Teilleistungsstörungen können
nämlich auch bei gesicherter ADHS-Diagnose den Therapieverlauf
massgeblich behindern. Merke: Ohne eine neuropsychologische
Untersuchung, welche andere neurokognitive Ursachen der
Aufmerksamkeitsprobleme ausschliesst, ist zum heutigen Zeitpunkt eine
zuverlässige ADHS-Diagnostik nicht möglich.
Ja, die Fachperson wies uns beim Erstgespräch darauf hin, dass nicht immer „pfannenfertige“ Diagnosen gestellt werden können und dass es vor allem darauf ankommt, begründete Entscheidungsgrundlagen für möglichst effiziente Therapie- und Fördermassnahmen zu gewinnen.
Begründung: Nicht immer „passen“ Entwicklung und Beschwerdebild
eines Menschen in die diagnostischen Klassifikationssysteme. Und immer
wieder kann es vorkommen, dass eine Untersuchung mehr Fragen aufwirft,
als beantwortet werden können (das gilt vor allem bei intelligenten
Kindern). Schliesslich leidet niemand unter einer Diagnose, sondern
unter seinen je individuellen Problemen, die es zu beschreiben, zu
verstehen, zu klassifizieren und schliesslich zu behandeln gilt. Auch
von der stimmigsten Diagnose wurde noch niemand gesund, entscheidend
sind die damit begründbaren Therapie- und Fördermassnahmen.
Ja, auch nach Auffälligkeiten in der Schwangerschaft, während und nach der Geburt, im Säuglings- und Kleinkindalter und schliesslich in der Vor- und Schulzeit werden wir befragt.
Begründung: Bei Verdacht auf ADHS ist es besonders wichtig, dass
die ganze Lebens- und Krankengeschichte eines Kindes sorgfältig erhoben
wird. Dadurch können Hinweise auf typische ADHS-Charakteristika, aber
auch auf andere Ursachen oder wichtige Begleitprobleme erfasst werden.
Liegt eine ADHS vor, zieht sich die Kernproblematik spätestens ab dem
Kindergartenalter wie ein roter Faden durch das ganze Leben der oder des
Betroffenen und führt dazu, dass diese massgeblich ausgebremst werden,
sich ihrem Charakter und ihren Begabungen entsprechend entwickeln zu
können.
Ja, wir werden auch nach Krankheiten und/oder psychischen Problemen bei uns Eltern, den Geschwistern und bei anderen Blutsverwandten befragt.
Begründung: Gemäss aktuellem Wissensstand sind die ADHS und mit
ihr zahlreiche andere psychische Störungen genetisch bedingt. In den
meisten Fällen sind Vater, Mutter, Geschwister oder andere nahe
Verwandte mehr oder weniger stark von einer ADHS betroffen. Ist dies
nicht der Fall, muss besonders aufmerksam eruiert werden, ob es sich
tatsächlich um eine ADHS handelt. Steht beim Kind beispielsweise eine
ausgeprägte emotionale Instabilität im Vordergrund des Beschwerdebildes,
können Depressionen oder manisch-depressive Erkrankungen bei
Blutsverwandten diagnostisch relevant sein. Wichtig ist das Erheben der
Familienkrankengeschichte auch deshalb, weil es im Rahmen einer
Therapieplanung wichtig sein kann, auch ein allfällig betroffenes
Elternteil oder ein Geschwisterkind einer Abklärung/Behandlung
zuzuführen.
Ja, auch das Umfeld meines Kindes wird in den diagnostischen Prozess einbezogen. Die Lehrkraft wird eingeladen, einen Bericht über das Lern- und Sozialverhalten des Kindes zu schreiben und einen standardisierten Fragebogen auszufüllen.
Begründung: Ohne Berücksichtigung von Informationen über den Schul- und Familienalltag ist es einer Fachperson nicht möglich, bei ADHS-Verdacht eine diagnostische Beurteilung vorzunehmen. Die diagnostischen Kriterien der ADHS sehen nämlich unter anderem vor, dass syndromtypische Verhaltensprobleme, welche die Entwicklung des Kindes behindern, zwingend in mindestens zwei Lebensbereichen, sprich in der Schule und daheim, auftreten müssen. Trifft dies nicht zu kann/darf die Diagnose einer ADHS nicht gestellt werden. Trotzdem: auch in der Schweiz ist kommt es immer noch vor, dass sich eine diagnostische Beurteilung alleine auf die in der Untersuchung gewonnenen (Test-) Befunde abstützt.
Ja, die Fachperson, die unser Kind abklären wird, weiss, dass auch Ängste und andere psychische und psychosoziale Probleme Verhaltensauffälligkeiten und Symptome erzeugen können, die einer ADHS zum Verwechseln ähnlich sehen.
Begründung: Auch bei begründetem Verdacht auf ADHS muss eine Untersuchung gewährleisten, dass mit hinreichender Sicherheit ausgeschlossen werden kann, dass den Konzentrations- und Impulsregulationsproblemen andere Ursachen zugrunde liegen. Die diagnostischen Leitlinien der DSM-IV sehen zwingend vor, dass eine ADHS-Diagnose nur gestellt werden darf, wenn alle anderen möglichen Ursachen systematisch ausgeschlossen wurden. So kann beispielsweise auch ein Bildschirmkonsum von mehr als dreissig Minuten pro Tag Lern- und Verhaltensstörungen erzeugen. Auch Schlafstörungen können im Schulalltag zu Konzentrationsschwächen und/oder auffälligem Verhalten führen.
Ja, uns wird empfohlen, auch somatische Ursachen für Konzentrationsprobleme und/oder Hyperaktivität/Impulsivität auszuschliessen.
Begründung: Mangelzustände (insbesondere Eisen, aber auch
Magnesium) oder Stoffwechselstörungen (Schilddrüse) und andere
Erkrankungen können ADHS-ähnliche Beschwerden auslösen. Und: Wurde auch
das Seh- und Hörvermögen des Kindes geprüft?
Ja, die Fachperson versucht auch herauszufinden, wo die Stärken und Ressourcen unseres Kindes liegen.
Begründung: Das ist besonders für die Therapieplanung wichtig.
Ohne das Wissen um die
Ressourcen eines Kindes ist es nicht möglich, eine massgeschneiderte
Therapie- und Förderplanung auszuarbeiten.
Ja, die Fachperson erklärt uns bei der Besprechung der Befunde und der Therapieplanung verständlich, worauf sich die diagnostische Beurteilung abstützt und wieso genau diese und keine anderen Therapiemassnahmen angezeigt sind.
Begründung: Diagnosen werden nicht einfach „aus dem Bauch heraus“
gestellt. Nein, für die ADHS etwa existieren seit viele
Jahren international und wissenschaftlich abgestützte diagnostische
Kriterien (unter anderem von der WHO) sowie Standards bezüglich des
diagnostischen Prozesses (z.B.:
http://www.uni-duesseldorf.de/WWW/AWMF/ll/028-019.htm). Leider sind
diese bewährten Instrumente noch nicht allen Fachpersonen vertraut. Und
schliesslich: Erklärt uns die Fachperson auch, was bei der Untersuchung
unklar blieb oder welche neuen Fragen durch die Abklärungen aufgeworfen
wurden? Und sagt uns die Fachperson, wie sicher sie sich bei der
diagnostischen Beurteilung ist? Erklärt sie, welche anderen Faktoren
möglicherweise mit eine Rolle spielen könnten?
Ja, wir erhalten im Anschluss an die Untersuchung einen für uns verständlichen Untersuchungsbericht, in welchem die Befunde, die Diagnosen und die vorgeschlagenen Massnahmen für uns nachvollziehbar zusammengefasst werden.
Begründung: Nicht
immer reicht der Ärztin oder dem Psychologen die Zeit, um mit den Eltern
alle Untersuchungsresultate detailliert besprechen zu können. Hinzu
kommt, dass bei der Besprechung der Befunde oft so viele Informationen
auf die Eltern einprasseln, dass diese froh sind, alle Befunde und
Empfehlungen später noch einmal in Ruhe durchlesen und überdenken zu
können. Ausserdem: Nicht in allen Fällen führt die Abklärung in einem
ersten Anlauf schon zu einer zufrieden stellenden Erklärung der Probleme
des Kindes und/oder zu überzeugenden Therapievorschlägen. In diesen
Fällen steht es allen Eltern zu, die Fachperson mit den Vorbehalten und
offenen Fragen zu konfrontieren. Erfolgt keine Klärung, kann bei einer
anderen Fachperson eine Zweitmeinung eingeholt werden. Jede seriöse
Psychologin und jeder seriöse Arzt wird den Wunsch der Eltern nach einer
Zweitmeinung unterstützen. Speziell in diesen Fällen, aber natürlich
auch zwecks Dokumentation der Befunde, ist ein ausführlicher
Untersuchungsbericht unerlässlich.
Ja, die Fachperson erklärt uns, was es mit einer POS-Diagnose auf sich hat. Wir werden darüber informiert, ob unser Kind die Kriterien erfüllt, welche eine Anmeldung bei der Invalidenversicherung rechtfertigen.
Begründung: Bei einer rechtzeitigen Anmeldung (vor dem neunten
Lebensjahr) und erfüllten Rahmenbedingungen (Vorliegen von Störungen des
Verhaltens, des Antriebs, des Erfassens, der Konzentrationsfähigkeit und
der Merkfähigkeit, keine Minderintelligenz und Behandlungsbeginn vor dem
neunten Lebensjahr) kann die Invalidenversicherung das Vorliegen eines
so genannten Geburtsgebrechens anerkennen und die gesamten
Behandlungskosten übernehmen.
Verlaufsdiagnostik
Die treffendste Diagnostik und der ausgeklügeltste Therapieplan nutzen
wenig, wenn die eingeleitete Behandlung nicht periodisch auf ihre
Wirksamkeit hin überprüft und gegebenenfalls angepasst wird. So obliegt
es der Fachperson, welche ihr Kind nach der ausführlichen Untersuchung
nun psychotherapeutisch und/oder medikamentös behandelt, es während der
Behandlung regelmässig in der Sprechstunde zu sehen. Auch bei den Eltern
und den Lehrkräften müssen periodisch Rückmeldungen eingeholt werden,
weil nur so überprüft werden kann, dass die Entwicklung des Kindes im
„grünen Bereich“ verläuft. Bei ADHS-Kindern, welche medikamentös
behandelt werden, sind in den ersten zwei Monaten Konsultationen im
Abstand von vierzehn Tagen üblich. Viele Fachpersonen stehen den Eltern
aber auch zwischen den Konsultationen telefonisch oder per Mail zur
Verfügung. Je nach Behandlungsplan sowie bei gutem Verlauf sind später
längere Abstände vorgesehen. Ausserdem kann es bei komplexen und
widersprüchlichen Eingangsbefunden immer einmal wieder vorkommen, dass
die Fachperson eine abschliessende diagnostische Beurteilung von
Verlaufsuntersuchungen abhängig machen wird.
Zusammenfassung
Eine gründliche Diagnostik ist die Voraussetzung jeder ernsthaften
Therapie. Sie erfasst das Kind als Ganzes in seinem psychosozialen
Umfeld und ermöglicht die Planung von individuell zugeschnittenen
therapeutischen Massnahmen. Eine fachgerecht durchgeführte Diagnostik
kann dem betroffenen Kind (und seiner Familie) viele Umwege und viel
Leiden ersparen. Je mehr Eltern über die ADHS, ihre Ursachen,
Erkennungs- und Behandlungsmöglichkeiten wissen, um so besser können sie
ihr Kind bei den Abklärungs- und Therapiemassnahmen konstruktiv
begleiten.
ADHS
oder Asperger-Syndrom?
Dipl.-Psych.
P. Rossi + lic. phil. I S. Bürgi (2007)
Fragen &
Antworten zur Diagnostik der ADHS
Dr. med. M. Winkler + Dipl.-Psych. P. Rossi
