Zur Diagnose der ADHS (Teil 1)
von Martin Winkler (2001)
Letzte Aktualisierung dieser Seite: 02.12.2008
siehe auch:
Teil 2: Praxis der ADHS-Diagnose
Es gibt keinen ADHS-Test!
FAQ - Fragen und Antworten
zur Diagnostik der ADHS
FAQ - Fragen
und Antworten zur Diagnostik der ADHS
ADHS: eine valide Diagnose?
Im November 1998 fand in den USA vom NIH eine Konsensus-Konferenz zur
ADHS statt. William B. Carey kritisierte dabei das Konstrukt der ADHS.
In seinem Abstrakt zur Konferenz schreibt er hierzu: Das
Aufmerksamkeits-Defizit-Syndrom mit und ohne Hyperaktivität (ADHS) wird
definiert durch das gleichzeitige Vorhandensein von 6 von 9 Symptomen
von Unaufmerksamkeit (inattention) der 6 von 9 Symptomen von
Hyperaktivität/Impulsivität, mit Einschränkungen (der Lebensführung) in
zwei oder mehr Bereichen, die nicht durch eine andere Störung bedingt
sind.
Zusätzliches allgemeines Übereinkommen bestehe darin, dass sich ADHS
eindeutig von normalem Verhalten unterscheiden lassen muss, eine
neurologische Entwicklungsstörung darstellt und (relativ) unbeeinflusst
von sozialen Umgebungsbedingungen ist. Letztlich behauptet er, dass alle
diese Bedingungen sehr vage seien bzw. dem subjektiven Urteil
unterworfen blieben, dass sie dem normalen Temperament des Kindes (oder
auch eines Erwachsenen) durchaus entsprechen und die Diagnose auch eine
Stigmatisierung darstellen könne oder aber zu allgemeingültig und
unspezifisch seien (Zaren, 1998). Damit fasst Zaren so ziemlich alle
Vorurteile zusammen, die man so im Zusammenhang mit der Diagnose ADHS
diskutieren kann.
Letztlich werden diese Bedenken jedoch auch von vielen (potentiell)
Betroffenen bzw. ihren Angehörigen, sowie einigen Ärzten bzw.
Psychotherapeuten geteilt. Zudem stellt sich die Frage, welche
Konsequenzen die Diagnose ADHS für die weitere Lebensgestaltung hat.
Insbesondere hinsichtlich einer etwaigen pharmakologischen Behandlung
(z.B. mit Stimulanzien), bestehen häufig erhebliche Befürchtungen
hinsichtlich Nebenwirkungen der Medikation, einer
Abhängigkeitsentwicklung oder aber irreversiblen Veränderungen der
Persönlichkeit oder besonderer Fähigkeiten (z.B. Kreativität oder
intuitives Wissen).
Das grösste Problem der Diagnosestellung ist damit jedoch noch
ausgespart: Wie Russel Barkley ausführt, eignen sich potentielle
ADHS-Betroffene praktisch überhaupt nicht als Informationsbasis für ihre
eigene Symptomatik, bzw. Auswirkungen im Verhalten und komorbiden
Störungen. Die Selbstwahrnehmung bzw. -Beurteilung unterscheidet sich
unter Umständen extrem von Fremdbeurteilungen in Zeugnissen oder
Beschreibungen von Eltern, Lebenspartnern oder Arbeitskollegen. Somit
wird häufig auch bei sehr typischen Lebensgeschichten bzw. Auftreten von
extremen Symptomen eine Erkrankung vom Betroffenen nicht wahrgenommen,
falsch bewertet bzw. bagatellisiert. Dies hängt neben der Angst vor
Stigmatisierung sicherlich auch mit der im Rahmen der relativen
Frontalhirnstörung eingeschränkten Selbstbeurteilung bzw.
Selbstkontrolle zusammen.
Andererseits belegen wissenschaftliche Untersuchungen die Validität bei
verschiedenen Diagnostikern und zu unterschiedlichen
Untersuchungszeitpunkten, sowie die Reliabiliät der Diagnosekategorie
ADHS bei Kindern, aber auch Erwachsenen (Lahey, 1998).
Zweifellos stellt das Spektrum der Aufmerksamkeits- und
Konzentrationsstörungen (ADHS) mit und ohne Hyperaktivität ein relativ
breites und erst noch genauer zu definierendes Störungsspektrum dar. Wie
Lahey ebenfalls auf der Konsensus-Konferenz 1998 darlegte, wandelte sich
dabei ausgehend von fortschreitenden klinischen, insbesondere aber
neurobiologischen und neuropsychologischen Untersuchungen, die Definition
bzw. syndromale Zuordnung in den für die Diagnosestellung relevanten
Klassifikationssystemen DSM bzw. ICD erheblich.
Die Diagnosekriterien des DSM-IV
Heute fassen die Klassifikationssysteme psychischer Störungen das
Aufmerksamkeits-Defizit-Syndrom als eine Störung mit Beginn im
Kleinkindalter, der Kindheit und Adoleszenz auf. Das amerikanische
Klassifikationssystem DSM-IV setzt folgende Kriterien, die z.T. auch auf
die Problematik von Erwachsenen angepasst wurden:
Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung
A. Entweder Punkt (1) und/oder Punkt (2) müssen zutreffen:
1. Sechs (oder mehr) der folgenden Symptome von Unaufmerksamkeit sind
während der letzten sechs Monate in einem mit dem Entwicklungsstand des
Kindes nicht zu vereinbarenden und unangemessen Ausmass vorhanden
gewesen:
Unaufmerksamkeit
a) beachtet häufig Einzelheiten nicht oder macht Flüchtigkeitsfehler bei
den Schularbeiten, bei der Arbeit oder bei anderen Tätigkeiten,
b) hat oft Schwierigkeiten, längere Zeit die Aufmerksamkeit bei Aufgaben
oder beim Spielen aufrechtzuerhalten,
c) scheint häufig nicht zuzuhören, wenn andere ihn / sie ansprechen
d) führt häufig Anweisungen anderer nicht vollständig durch und kann
Schularbeiten, andere Arbeiten oder Pflichten am Arbeitsplatz nicht zu
Ende bringen (nicht aufgrund oppositionellen Verhaltens oder
Verständigungsschwierigkeiten),
e) hat häufig Schwierigkeiten, Aufgaben und Aktivitäten zu organisieren,
f) vermeidet häufig, oder hat eine Abneigung gegen oder beschäftigt sich
häufig nur widerwillig mit Aufgaben, die länger dauernde geistige
Anstrengungen erfordern (wie Mitarbeit im Unterricht oder Hausaufgaben),
g) verliert häufig Gegenstände, die für Aufgaben oder Aktivitäten
benötigt werden (z.B. Spielsachen, Hausaufgabenhefte, Stifte, Bücher
oder Werkzeug),
h) lässt sich oft durch äussere Reize leicht ablenken,
i) ist bei Alltagstätigkeiten häufig vergesslich;
2. Sechs (oder mehr) der folgenden Symptome der Hyperaktivität und
Impulsivität sind während der letzten sechs Monate beständig in einem
mit dem Entwicklungsstand des Kindes nicht zu vereinbarenden und
unangemessenen Ausmass vorhanden gewesen:
Hyperaktivität
a) zappelt häufig mit Händen oder Füssen oder rutscht auf dem Stuhl
herum,
b) steht in der Klasse oder in Situationen, in denen Sitzenbleiben
erwartet wird, häufig auf,
c) läuft herum oder klettert exzessiv in Situationen, in denen dies
unpassend ist (bei Jugendlichen oder Erwachsenen kann dies auf ein
subjektives Unruhegefühl beschränkt bleiben),
d) hat häufig Schwierigkeiten, ruhig zu spielen oder sich mit
Freizeitaktivitäten ruhig zu beschäftigen,
e) ist häufig "auf Achse" oder handelt oftmals, als wäre er / sie
"getrieben",
f) redet häufig übermässig viel;
Impulsivität
g) patzt häufig mit Antworten heraus, bevor die Frage zu Ende gestellt
ist,
h) kann nur schwer warten, bis er / sie an der Reihe ist,
i) unterbricht und stört andere häufig (platzt z.B. in Gespräche oder
Spiele anderer hinein).
B. Einige Symptome der Hyperaktivität-Impulsivität oder
Unaufmerksamkeit, die Beeinträchtigungen verursachen, treten bereits vor
dem Alter von sieben Jahren auf.
C. Beeinträchtigungen durch diese Symptome zeigen sich in zwei oder
mehr Bereichen (z.B. in der Schule bzw. am Arbeitsplatz und zu Hause).
D. Es müssen deutliche Hinweise auf klinisch bedeutsame
Beeinträchtigungen in sozialen, schulischen oder beruflichen
Funktionsbereichen vorhanden sein.
E. Die Symptome treten nicht ausschliesslich im Verlauf einer
Tiefgreifenden Entwicklungsstörung, Schizophrenie oder einer anderen
Psychotischen Störung auf und können auch nicht durch eine andere
psychische Störung besser erklärt werden (z.B. Affektive Störung,
Angststörung, Dissoziative Störung oder eine Persönlichkeitsstörung).
Hierbei kodiert man je nach Subtypus:
- 314.01 (F90.00) Aufmerksamkeitsdefizit-/ Hyperaktivitätsstörung, Mischtypus : liegt vor, wenn die Kriterien A1 und A2 während der letzten sechs Monate erfüllt waren.
- 314.0 (F98.8) Aufmerksamkeitsdefizit-/ Hyperaktivitätsstörung, Vorwiegend Unaufmerksamer Typus : liegt vor, wenn Kriterium A1, nicht aber Kriterium A2 während der letzten sechs Monate erfüllt war.
- 314.O1 (F90.1) Aufmerksamkeitsdefizit-/ Hyperaktivitätsstörung, Vorwiegend Hyperaktiv-Impulsiver Typus : liegt vor, wenn Kriterium A2, nicht aber Kriterium A1 während der letzten sechs Monate erfüllt war.
Bei Personen (besonders Jugendlichen und Erwachsenen), die zum
gegenwärtigen Zeitpunkt Symptome zeigen, aber nicht mehr alle Kriterien
erfüllen, wird Teilremittiert spezifiziert.
Die Diagnosekriterien des ICD 10 kann man unter folgendem Link der Uni
Lübeck einsehen, entsprechen aber weitgehend den dargestellten
Kriterien.
Probleme bei der Diagnosestellung im Erwachsenenalter
Leider gibt es bisher keinen allgemeinen Konsensus für die Diagnostik
des ADHS im Erwachsenenalter. Gilt schon die Diagnostik des
Aufmerksamkeits-Defizit-Syndroms bei Kindern als nicht einfach, so
ergeben sich für Erwachsene derzeit eine Reihe von Problemen:
Es liegen nur relativ wenige Verlaufsuntersuchungen zur Symptomatik
ehemals hyperaktiver Kinder im Erwachsenenalter vor.
Dabei wurde von den Untersuchern speziell auf die Persistenz von Zeichen
motorischer Hyperaktivität oder aber schwerwiegender Störungen des
Sozialverhaltens (z.B. Delinquenz, Alkohol- und Drogenmissbrauch etc.)
abgezielt. So begrenzen die Diagnostikkriterien des Amerikaners Paul
Wender, welcher ein Pionier auf diesem Gebiet ist, sich denn bewusst
auch auf die Problematik von motorisch hyperaktiven und impulsiven
Erwachsenen bzw. die anhaltende Symptomatik ehemals hyperaktiver Jungen.
Aus dem heutigen Kenntnisstand heraus weiss man aber, dass diese
Symptome des ehemals "Hyperkinetischen Syndroms", mit zunehmenden Alter
nicht mehr so deutlich imponieren müssen, dennoch jedoch erhebliche
Störungen der kognitiven, emotionalen und psycho-physiologischen
Funktionen fortbestehen können.
Es ist ferner nur relativ wenig über die Klinik der ADHS bei Frauen
bekannt, bzw. den Verlauf des sogenannten unaufmerksamen Typus, also der
ADS ohne Zeichen motorischer Hyperaktivität. Insbesondere fehlen hier
Erhebungsinstrumente, die bereits länger und allgemein verbreitet wären.
Rein formal schliessen die aktuellen Diagnosekriterien die Existenz der
ADHS bei Frauen quasi aus, da bei Frauen nicht immer Symptome vor dem 7.
Lebensjahr auffallen. Dies ist u.a. durch einen hormonellen Einfluss des
Östrogens bedingt, der erst mit der Pubertät zum Auftreten typischer
ADHS-Symptome führen kann.
Die neurobiologischen Grundlagen der ADHS sind erst seit wenigen Jahren
bekannt und konnten daher noch nicht zur Definition von Versuchsgruppen
für Verlaufsuntersuchungen herangezogen werden. Da andererseits ADHS ja
nur ein neues Syndrom, keinesfalls aber vorher inexistent gewesen ist,
werden in der klinischen Praxis bis heute sehr viele Symptome der ADHS
möglicherweise anderen Störungsbildern (z.B. agitierte Depressionen,
bipolare Störungen, Persönlichkeitsstörungen) zugerechnet.
Besonders für den europäischen Raum kommt dazu, dass erfahrene
Diagnostiker für ADD bzw. ADHS (bei Erwachsenen) sehr selten zu finden
sind. Oder es bestehen bürokratische Hemmnisse und andere Unklarheiten.
Häufig hört man so von dem Problem, dass Kinder- und Jugendpsychiater
eigentlich keine Erwachsenen mit (potentiellem) ADHS diagnostizieren und
behandeln dürfen. Andererseits wird von Erwachsenenpsychiatern
berichtet, welche sich mit dieser Diagnose nicht auskennen, oder aber
die Therapie (ggf. mit Stimulanzien) verweigern. Auch diesbezüglich ist
die rechtliche Lage noch unklar. Häufig wird von fachlicher Seite her
auch die blosse Existenz dieses Syndroms in Frage gestellt (siehe oben)
oder ADHS gilt schlicht als unbekannt. Derzeit beginnt sich hieran -
u.a. durch Veröffentlichungen in deutschsprachigen
Psychiaterzeitschriften und im Internet - langsam etwas zu verändern.
Eine grundlegende Wende steht jedoch - zum Leidwesen der Betroffenen -
noch aus.
Ausgehend von all den geschilderten derzeitigen Schwierigkeiten bleibt
also eine möglichst präzise Begrenzung des Syndroms ADHS auf klinisch
relevante Gesichtspunkte essentiell. Dies, um vorzubeugen, damit ADHS
nicht in den unberechtigten Ruf einer Modeerkrankung kommt.
Diagnostik für wen?
Zunächst muss man sich verdeutlichen, wer in der Regel überhaupt eine
Diagnostik hinsichtlich ADHS einfordern wird. Während bei ADHS im
Kindesalter die jungen Patienten ja hauptsächlich fremdmotiviert durch
die Eltern oder vielleicht auf Veranlassung von Lehrern geschickt
werden, suchen im Erwachsenenalter die Patienten aus sehr
unterschiedlichen Motiven eine Hilfestellung bzw. Diagnostik.
Hauptsächlich werden dies zumeist Eltern von hyperaktiven (oder
aufmerksamkeitsgestörten Kindern) sein, die die Symptomatik der ADHS
kennengelernt haben und auch bei sich selber entsprechende klinische
Zeichen in der Vergangenheit oder Gegenwart festgestellt oder auch schon
Selbstmedikationsversuche mit Stimulanzien angestellt haben.
Andere mögen über Ehepartner, Bekannte oder aus der Presse oder Bücher
(z.B. Hallowell "Zwanghaft zerstreut"
Fast regelhaft ergibt sich zusätzlich das Problem, dass mehrere Familienmitglieder potentielle ADHS-Betroffene sind, was zur Selbst- und Fremdbeurteilung (aber auch in einer späteren Therapie) nicht unproblematisch ist, da die Symptomatik z.T. als über viele Familiengenerationen "normal" bzw. geradezu charakteristisch angesehen wird.
Nur relativ selten werden bisher Psychologen oder Ärzte von sich aus an
die Diagnose ADHS denken, z.B. wenn die Patienten bei der Erhebung der
Lebensgeschichte entsprechende Symptome wie Hyperaktivität,
Ablenkbarkeit, Schulleistungsprobleme etc. angeben werden und auch in
der Gegenwart erhebliche innere Unruhe und Leistungsprobleme imponieren.
Dabei ist noch mal darauf hinzuweisen, dass recht häufig die Diagnose
"Minimale Cerebrale Dysfunktion" oder eben auch schon "Hyperkinetisches
Syndrom" im Kindesalter gestellt wurde, jedoch keinesfalls immer
therapiert wurde. Ausserdem ist damit zu rechnen, dass sich im Laufe des
Lebens Copingstrategien, d.h. mehr oder weniger sinnvolle
Bewältigungsversuche oder ein "Einrichten" in bestimmten beruflichen
oder sozialen Nischen entwickelt hat. Ein Beispiel wäre ein extrem
perfektionistisch-zwanghaftes Verhalten einer in der Kindheit (bei ADHS
eher chaotischen und unordentlichen Hausfrau, die sich an feste Listen
und Pläne für Besorgungen, den Haushalt und Freizeitaktivitäten hält
bzw. sich über einen eher geordneten Ehemann stabilisiert (oder
natürlich mit umgekehrten Geschlechterverhältnis). Sie muss nie mit
Problemen der Ablenkbarkeit oder Aufmerksamkeit auffallen. Und man kann
sich natürlich auch fragen, warum bei ihr überhaupt eine
Diagnosestellung notwendig wäre, bzw. welche Konsequenzen sich hieraus
ableiten lassen. In der Regel wird sich diese Frage aber auch erst
stellen, wenn aus irgendwelchen Gründen (private Probleme,
Überlastungen, Krankheiten) die bisherigen Kompensationsmechanismen
(z.B. exzessives Arbeiten, Ordnung etc.) nicht mehr greifen oder sich
erhebliche Veränderungen in den sozialen Bedingungen ergeben haben. Dann
können allerdings ganz andere Probleme oder gar klinische Störungsbilder
in den Vordergrund treten, so dass man zunächst ganz sicher nicht an
ADHS sondern vielleicht an eine "agitierte" oder atypische Depression
denken wird. D.h. im Erwachsenenalter wird sich nicht immer sofort die
Diagnose ADHS typisch präsentieren (wenn sie denn überhaupt dem
Diagnostiker bekannt ist).
Wenn man schon von typischen Leitsymptomen sprechen kann, so wird sich
dies auf folgende Bereiche konzentrieren und sich als wesentlich
beeinträchtigender als in der "Normal"-Bevölkerung widerspiegeln:
- Subjektiv zu geringes Leistungsvermögen, d.h. das volle Wissen, Engagement oder Leistungspotential kann nicht erzielt werden
- Vergesslichkeit bzw. häufiges Verlegen von Dingen
- Probleme in der Organisation bzw. in der Bewältigung von gleichzeitig mehreren Aufgaben
- Impulsivität in verschiedensten Lebensbereichen (verbale Entgleisungen, Aggressivität, Essstörungen, Kaufrausch, etc.)
- Extreme Abhängigkeit der Leistungsfähigkeit von äusseren Faktoren, wie z.B. herausforderndes Arbeitsklima, angenehme Wohnbedingungen oder Licht/Geräusche
- Intoleranz von Langeweile bzw. fehlende Entspannungsfähigkeit
- Fehlende Motivation für Alltagstätigkeiten, geringe Ausdauer bei monotonen Beschäftigungen
- Motorische oder auch nur starke innerliche Unruhe mit Besserung bei Bewegung oder aber ständigem Nesteln oder Bewegen mit Fingern oder Füssen
Schliesslich muss erneut auf die bisher kaum beachtete Patientengruppe in den Kliniken oder Praxen hingewiesen werden, die von sich aus nicht auf Störungen der Aufmerksamkeit oder Konzentrationsfähigkeit hinweisen würden, da sie sich hierfür schämen oder es als schlichtweg normal, da im ganzen Leben vorhanden, akzeptieren. ADHS-Betroffene sind schlechte Selbstbeobachter in dieser Hinsicht, d.h. geben häufig auch auf Nachfrage an, dass in der Kindheit keine entsprechenden Probleme bestanden. Dies steht dann aber im krassen Gegensatz zu Aussagen ihrer Eltern oder Zeugnisbewertungen der Lehrer, die häufig bereits eindrucksvoll das Vollbild der ADHS beschreiben können. Diese Patienten werden dann vielleicht wegen Suchterkrankungen, Depressionen, Angststörungen, Persönlichkeitsstörungen, Schlafstörungen, somatoformen Störungen oder anderen Krankheitsbildern mehr oder weniger erfolglos behandelt. Hier lassen sich vielleicht am besten folgende Patientengruppen als prädisponiert für eine weiterführende ADHS-Diagnostik herausgreifen :
- Patienten mit seit der Jugend auftretenden, lang anhaltenden depressiven Störungen, die nicht wie erwartet auf Antidepressiva oder psychotherapeutische Massnahmen ansprechen.
- Patienten mit starkem Drang zur Selbststimulation durch äussere Reize oder Tätigkeiten, Intoleranz von Langeweile oder Ruhe
- Patienten mit sehr häufigem Wechsel der Arbeitsstätte und/ oder des Wohnortes oder Beziehungen (sog. "Hunter")
- Patienten, mit plötzlichen aggressiven oder verbalen Entgleisungen, Impulskontrollstörungen, "Adrenalin-Junkies", Gewaltstraftäter (!)
- Patienten mit chronischen Insomnien, d.h. Schlafstörungen, die nicht auf übliche verhaltensmedizinische Massnahmen bzw. Schlafmittel ansprechen.
Andererseits sollte aber ein chronisches Schlafdefizit als Ursache der Aufmerksamkeits- und Konzentrationsstörungen ausgeschlossen werden. D.h. auch nach einer Phase ausreichenden Schlafes (am Wochenende, im Urlaub) müssen sich die gleichen Symptome wie im Alltag manifestieren.
- Patienten mit exzessivem Coffeinkonsum, Schokoladenkonsum bzw. starke Raucher, die hierdurch eine Besserung ihrer Konzentrations- und Entspannungsfähigkeit angeben.
- Patienten, die wiederholt zu spät oder immer mit Notizzetteln oder -büchern zur Therapie erscheinen
- Patienten mit "paradoxen" Medikamenteneffekten, d.h. ungewöhnlichen Reaktionen z.B. auf Beruhigungsmittel wie Benzodiazepine oder Neuroleptika, Narkosemittel oder Schmerzmitteln.
Diagnostik warum?
Die Frage, welche Konsequenzen man aus der Diagnostik zieht, wird häufig
vernachlässigt. ADHS eignet sich eben nicht als Label für allgemeine
Antriebslosigkeit, Befindlichkeitsstörungen, beruflichen oder privaten
Stress oder andere unspezifische Einordnungen. Definitionsgemäss müssen
die Symptome und Auswirkungen in mehreren Lebensbereichen
schwerwiegender und überdauernder sein als bei Menschen in
vergleichbarer sozialer Lebenslage oder intellektueller
Leistungsfähigkeit und nicht besser durch eine andere psychische /
psychiatrische Diagnose erklärbar sein. Eine Diagnostik sollte nur dann
veranlasst werden, wenn sich hieraus auch weiterführende Auswirkungen
für den Betroffenen oder seine Angehörigen ergibt. Dabei muss man
wissen, dass es keinen beweisenden Test für oder gegen die Diagnose ADHS
gibt.
Auswirkungen könnten sich u.a. in folgenden Bereichen ergeben:
- Abbau von gesundheitsbezogenen Ängsten (z.B. "ich werde verrückt", oder "ich habe Alzheimer im fortgeschrittenen Stadium") und Neubewertung der eigenen Kompetenzen und Defizite, ggf. auch ohne weiterreichende therapeutische Schritte. Hierdurch könnte u.a. eine unnötige Diagnostik hinsichtlich anderer vermeintlicher Ursachen überflüssig gemacht werden. Dies kann im Einzelfall aber auch zur Korrektur von quasi automatisch ablaufenden Gedanken bzw. Selbstbewertungen ("Aus Dir wird sowieso nie etwas") führen und die Kontrollüberzeugung bzw. Erfolgserwartung hinsichtlich eigener Anstrengungen deutlich positiv verändern.
- Anleitung zur Förderung bzw. Neuentwicklung von eigenen Kompensationsstrategien, wie. z.B. Coaching. Hierunter versteht man die ermunternde Kontrolle bzw. Erinnerung an vorher vereinbarte Ziele oder (lästige) Erledigungen durch einen guten Freund oder ggf. Therapeuten. Oder Aufbau von speziellen sozialen Kompetenzen im Rahmen einer Beratung oder Therapie, Vermittlung von Problemlösestrategien oder Organisations- und Selbstmanagmentstrategien, Stressbewältigungsstrategien, Entspannungsverfahren, jeweils sehr konkret am aktuellen Problemverhalten der Gegenwart orientiert.
- Beendigung unnötiger Behandlungen bzw. Psychotherapien hinsichtlich vermeintlicher frühkindlichen oder unbewussten Konflikten (z.B. mit der Mutter oder dem Vater). Dies ist eine mehr oder weniger versteckte Kritik an analytisch ausgerichteten Therapieverfahren bei dieser Patientengruppe, die sicher bei der Grundproblematik der ADHS nicht greifen bzw. sich ins Unendliche erstrecken müssen. Für die verhaltenstherapeutische Psychotherapie gilt dies z.B. dann, wenn übliche Versuche über Expositionsbehandlungen (z.B. bei Angststörungen) oder auf Verstärkerprinzipien (Belohnungen) beruhende Interventionen nicht wie erwartet greifen.
- Vermeidung inadäquater medikamentöser Behandlungsversuche, z.B. mit antriebsdämpfenden Medikamenten (z.B. Benzodiazepine, dämpfenden Antidepressiva oder Neuroleptika).
ADHS-Patienten weisen häufig scheinbar "paradoxe" Medikamenteneffekte
auf diese Substanzgruppen (aber z.B. auch Narkosen mit Neuroleptika,
Betäubungsmittel beim Zahnarzt, Schmerzmittel etc.) auf. Merkt man, dass
die Reaktionen auf diese Mittel ungewöhnlich ist, bzw. übliche
Behandlungsversuche (etwa zur Behandlung einer "agitierten Depression" )
nicht wirksam sind, sollte man unbedingt auch an ein bisher nicht
bekanntes ADHS denken! Insbesondere bei Patienten mit unklaren
psychiatrischen Beschwerdebildern bzw. chronifiziertem Verlauf seit der
frühesten Kindheit sollte unbedingt eine entsprechende Diagnostik -
möglichst unter Einschluss bildgebender Verfahren eines SPECT - erfolgen
(siehe unten).
- Nutzung sinnvoller, d.h. die Lebensqualität und Leistungsfähigkeit verbessernder, pharmakologischer und psychotherapeutischer bzw. soziotherapeutischer Therapiemöglichkeiten. Aus unserer Erfahrung heraus bietet gerade die Kombination einer sinnvollen pharmakologischen Behandlung (z.B. mit Stimulanzien und / oder Antidepressiva) die Voraussetzung für die Wirksamkeit von psychotherapeutischen Interventionen. Dies ist z.T. auch neurobiologisch begründbar, da ein untererregtes Gehirn nicht die notwendigen Lernprozesse durchlaufen kann, bzw. andere Formen einer "Selbststimulation³ (z.B. durch Drogen, exzessive Reize, Provokation) unterbleiben können. Schon allein dies kann kurzfristig zu einer wirklich dramatischen Stabilisierung beitragen, die dann Voraussetzungen für die weitere Therapie - aber z.B. auch der Fortführung einer Ausbildung, beruflichen Tätigkeit oder aber familiären Rollenverpflichtungen (z.B. als Mutter) sein können.
Schliesslich und endlich müssen dabei jedoch auch ökonomische wie
auch soziale Gesichtspunkte berücksichtigt werden. Bedenkt man die
wahrscheinlichen Auswirkungen eines nicht rechtzeitig diagnostizierten
ADHS für Kinder- und Jugendliche bis in das spätere Erwachsenenalter mit
den z.T. katastrophalen Folgen für die spätere schulische, berufliche
und auch private Lebensentwicklung und die bekannten Zusammenhänge zu
Drogen- oder Gewaltproblematik, so ergibt sich hieraus die Forderung
nach einer möglichst frühzeitigen und damit präventiv wirksamen
Diagnostik einer ADHS. Dies umso mehr, da ja dann auch wiederum eigene
Kinder betroffen sein können bzw. häufig Partnerschaften an einer ADHS
zerbrechen. Hierbei ist erschreckend, dass z.B. das Risiko für
Geschlechtskrankheiten (Hepatitis, AIDS) bei Jugendlichen mit ADHS
extrem gegenüber Kontrollgruppen erhöht ist. Da ADHS in Verbindung mit
sexuellen Störungen bzw. Auffälligkeiten (Hypersexualität) gebracht
wird, können insbesondere auch in diesem Bereich erhebliche forensische
Probleme resultieren. Ausserdem schätzt man für die USA, dass bis zu 2/3
aller Straftäter an einem ADD oder ADHS leiden, was jedoch nicht
diagnostiziert bzw. therapiert worden ist. Ca. 25 % aller Drogenprobleme
werden mit ADHS in Zusammenhang gebracht. Die gesamtgesellschaftlichen
Auswirkungen der Diagnostik können also von erheblicher Relevanz sein.
Zusammengefasst sollte gerade bei den Patientengruppen, die ein
Hochrisikoprofil für psychiatrische Störungen bzw. forensische Probleme
aufweisen, unbedingt eine ADHS ausgeschlossen werden! Hieraus ergibt
sich die Frage, wie man mit vertretbarem zeitlichen und apparativem
(finanziellem) Aufwand ein Screening bzw. eine Diagnostik bei
Erwachsenen gewährleisten kann.
Diagnostik von wem?
Bisher die am häufigsten an ADD-Online gestellte Frage ist die, wo man
denn eine Diagnostik auf ADHS bei Erwachsenen durchführen lassen könne
bzw. wer erfahren genug sei. Abgesehen davon, dass es bisher nur wenige
Diagnostiker bzw. Therapeuten für dieses Syndrom gibt, können bzw.
dürfen wir hierzu keine persönlichen Namen von Ärzten bzw. Therapeuten
veröffentlichen.
Grundsätzlich ist von einer Selbstdiagnose anhand von Büchern oder
Screening-Listen zu warnen. Wenn man diese Sammlungen liest oder
Online-Tests durchführt, wird man sich sehr leicht darin wiederfinden,
dennoch muss noch keinesfalls ADHS vorliegen.
Die Symptome der ADHS, wie sie derzeit in den verschiedenen Medien
verbreitet werden, sind zunächst sehr unspezifisch und könnten somit auf
eine Vielzahl von Menschen zutreffen. Entscheidend ist dabei eben nicht
nur das Vorhandensein sondern auch die Ausprägung (im Vergleich
zu anderen Menschen) und die überdauernden Beeinträchtigungen in
verschiedenen Lebensbereichen. Häufig erklären kurzfristige Störungen
bzw. Probleme die Symptomatik, oder aber es liegen andere psychiatrische
Erkrankungen vor (z.B. Generalisierte Angststörung oder Bipolare
Störungen), die ganz anders therapiert werden sollten.
Daher sollte die Diagnostik in enger Zusammenarbeit des Patienten und
seiner Umgebung (Lebenspartner, Eltern, Freunde) durch einen
neurologisch und psychiatrisch erfahrenen Arzt und möglichst auch
Psychologen erfolgen. Ideal ist, wenn diese für die Informationserhebung
zur Verfügung stehen und auch Berichte / Zeugnisse aus der Kindheit und
Jugend für die Diagnosestellung berücksichtigt werden können.
