ADHS und depressive Störungen bei Kindern und Jugendlichen
Von David Rabiner
(Übersetzung Martin Winkler,
2002)
-
Niedergeschlagene Stimmung zu den meisten Zeiten des Tages, beinahe jeden Tag (bei Kindern und Jugendliche auch eher eine gereizte Stimmung statt einer depressiven Stimmungslage)
-
Verlust des Interesses oder Freude an allen, oder fast allen, Aktivitäten
-
Deutlicher Gewichtsverlust ohne Diät oder eine Gewichtszunahme (mehr als 5% des Körpergewichtes in einem Monat); oder verminderter oder gesteigerter Appetit an fast allen Tagen
-
Bei Kindern ist das Ausbleiben einer erwarteten Gewichtszunahme zu beachten!
-
Schlaflosigkeit oder vermehrter Schlaf an fast allen Tagen
-
Müdigkeit oder Energieverlust an fast allen Tagen.
-
Psychomotorische Unruhe oder Verlangsamung (durch andere beobachtbar, nicht nur das subjektive Gefühl von Rastlosigkeit oder Verlangsamung)
-
Gefühl der Wertlosigkeit oder übermässige Schuldgefühle
-
Verminderte Fähigkeit zu denken oder sich zu konzentrieren, verringerte Endscheidungsfähigkeit
-
Wiederkehrende Gedanken an den Tod (nicht nur Angst vor dem Sterben), wiederkehrende Selbstmordvorstellungen, tatsächlicher Selbstmordversuch
Damit die Diagnose einer Depression zutrifft, müssen 5 oder mehr der
oben angeführten Symptome zusammen in einem Zeitraum von mindestens 2
Wochen bestehen. Zusätzlich muss eines der Symptome entweder eine
depressive (niedergeschlagene) Stimmungslage (bzw. eben Reizbarkeit und
Irritierbarkeit bei Kindern) oder aber ein Verlust von Interessen und
Freude sein.
Zusätzlich müssen diese Symptome relevante klinische Beeinträchtigungen
oder Leidensdruck verursachen und nicht durch eine andere körperliche
Erkrankung oder Medikamentennebenwirkung verursacht sein. Es sollte
ausgeschlossen werden, dass die Symptomatik nicht besser durch den
akuten Verlust einer nahen Bezugsperson oder Freundes mit einer
Trauerreaktion erklärt werden kann.
Wie Sie sehen, ist es also ein ganz wichtiger Punkt, dass eine echte
Depression sich durch eine Vielzahl von anhaltenden Symptomen über einen
längeren Zeitraum auszeichnet und damit deutlich mehr als nur das Gefühl
„traurig“ oder „niedergeschlagen“ zu sein, beinhaltet.
Lassen Sie mich auch ein paar Worte zu Depressionen bei Kindern sagen.
Die Forschung hat uns gezeigt, dass die Kernsymptome einer Depression
bei Kindern und Jugendlichen die Gleichen wie bei Erwachsenen sind.
Einige Symptome können jedoch in den frühen Jahren etwas stärker
dominieren. Wie schon zuvor ausgeführt wurde, kann bei Kindern und
Jugendlichen das vorherrschende Gefühl eher eine extreme Reizbarkeit als
eine „depressive“ Stimmung sein. Zusätzlich können somatische
(körperliche) Beschwerden und soziales Rückzugsverhalten besonders
häufig bei Kindern sein, während ein übermässiges Schlafbedürfnis (eine
sog. Hypersomnie) oder eine psychomotorische Verlangsamung (langsame und
wenige Bewegungen) weniger häufig sind.
Wie würde also ein „typisches“ depressives Kind aussehen? Obwohl es in
der Symptomatik und Verlauf von Kind zu Kind weite Variationen geben
kann, wird ein solches Kind extrem irritabel und reizbar sein und eine
deutliche Veränderung in seinem Verhalten gegenüber dem Normalzustand
zeigen. Sie würden aufhören sich an Aktivitäten zu beteiligen oder zu
erfreuen, die sie sonst gerne hatten und auch eine deutliche Veränderung
in ihrem Essverhalten zeigen.
Mit diesem kurzen Überblick über Depressionen als Basiswissen, lassen
Sie uns zurück zur Studie schauen. Die Autoren der Studie untersuchten
zunächst 76 Jungen, bei denen eine Major Depression und ADHD
diagnostiziert wurde und führten die Untersuchung für 4 Jahre fort. Weil
eine Depression eine so einschneidende Erkrankung sein kann, waren sie
daran interessiert, welche Faktoren zur Aufrechterhaltung der Depression
beitragen und wie der Verlauf von Depression und ADHD sich beeinflusst.
Das Ergebnis der Studie zeigte, dass der aussagekräftigste Einfluss für
das Fortbestehen einer Depression zwischenmenschliche Schwierigkeiten
waren (d.h. die Kinder waren nicht in der Lage, mit ihren Freunden
zurecht zu kommen). Dagegen waren Schulschwierigkeiten und die Schwere
der ADHD-Symptomatik nicht direkt mit dem Anhalten einer Depression
verknüpft. Zusätzlich musste ein deutliches Nachlassen einer
ADHD-Symptomatik nicht zwangsläufig auch mit einer gleichzeitigen
Remission (Besserung) der depressiven Symptomatik einhergehen. Mit
anderen Worten, der Verlauf der ADHD-Symptome und der Verlauf der
depressiven Symptome in dieser Gruppe von Kindern schien voneinander
relativ unabhängig zu sein.
Das Ergebnis dieser Studie legt nahe, dass bei Kindern mit ADHD und
Depression die depressive Störung nicht einfach als Resultat der
tagtäglichen Demoralisierungen erklärt werden kann, die man bei ADHD
erleben kann. Obwohl sicher diese Probleme ein wichtiger Risikofaktor
für die Entstehung einer Depression bei Kinder sind, ist die Depression
bei Kindern mit ADHD eine eigenständige Erkrankung und nicht bloss
„Demoralisierung“.
Eine Depression im Kindesalter kann effektiv mit psychologischen
Behandlungsmethoden therapiert werden. Tatsächlich sind heute die
wissenschaftliche Belege für die Effektivität von psychologischen
Behandlungsmassnahmen für Depressionen bei Kindern und Jugendlichen
überzeugender, als die Belege, die für den Einsatz von Medikamenten
sprechen.
Als wichtiges Ergebnis dieser Studien denke ich, sollten Eltern sehr
sorgfältig hinsichtlich der Beachtung von Symptomen einer Depression bei
ihren Kindern sein, und nicht nur einfach annehmen, dass dies eine
andere Facette des kindlichen ADHD sei. Ausserdem sollte man, wenn ein
Kind mit ADHD eine zusätzliche Depression entwickelt, spezielle
Behandlungsmassnahmen für die depressive Problematik einleiten. Wie
diese Studie zeigt, darf man nicht einfach annehmen, dass die Probleme,
die durch die ADHD-Symptomatik verursacht werden, auch die depressive
Symptomatik des Kindes beeinflussen.
Wenn Sie sich Sorgen über eine mögliche Depression bei Ihrem Kind
machen, sollte eine sorgfältige Abklärung bei einem erfahrenen Kinder-
und Jugendpsychiater dringend erfolgen. Dies kann eine schwierige
Diagnose sein, so dass Sie wirklich auf einen, in diesem Bereich sehr
erfahrenen, Arzt oder Psychologen bestehen sollten.
This article is by Dr. David Rabiner, a child clinical psychologist at
Duke University, and appeared in ADHD RESEARCH UPDATE, a newsletter that
helps parents and professionals keep informed about new research on ADHD
www.helpforadd.com.
Orginalstudie:
Depression in attention deficit
hyperactivity disorder (ADHD) children: "true" depression or
demoralization?
Biederman J, Mick E, Faraone SV.
J Affect Disord. 1998 Jan;47(1-3):113-22.
