Informationen zur Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS)

ADHS und depressive Störungen bei Kindern und Jugendlichen

Von David Rabiner (Übersetzung Martin Winkler, 2002)  

Letzte Aktualisierung dieser Seite: 02.12.2008

Mehrere gut durchgeführte Studien zeigen, dass Kinder mit ADHS ein erhöhtes Risiko für die Entwicklung einer Depression im Verlauf ihrer Entwicklung haben. Das Risiko für die Entwicklung einer Depression ist sogar dreimal höher als für andere Kinder.
 
Eine im Journal of Affective Disorder (January 1998, 113-122) publizierte Studie untersuchte Depressionen bei 76 Kindern mit ADHS und sollte Aufschluss über mögliche Zusammenhänge von ADHD und Depressionen geben. Die Autoren waren besonders daran interessiert, ob Depressionen bei Kindern mit ADHD tatsächlich eine akute klinische Depression bedeuteten oder vielleicht besser als eine Art „Demoralisierung“ verstanden werden könnten, die eine Folge von den täglichen Misserfolgen wären, die Kinder mit ADHD häufig haben.
 
Beginnen wir zunächst in einem Überblick, was Psychiater und Psychologen meinen, wenn sie von einer Depression sprechen. Dabei ist es ein entscheidender Punkt darauf hinzuweisen, dass die klinische Diagnose einer Depression nur gestellt wird, wenn mehrere unterschiedliche Symptome gleichzeitig vorliegen; nur weil jemand sich niedergeschlagen oder depressiv fühlt, bedeutet also nicht zwingend, dass die Diagnose einer Major Depression zutreffend wäre.
 
Nach dem DSM-IV der Amerikanischen Psychiater Vereinigung werden die offiziellen diagnostischen Kriterien einer sogenannten Major Depression wie folgt beschrieben
  • Niedergeschlagene Stimmung zu den meisten Zeiten des Tages, beinahe jeden Tag (bei Kindern und Jugendliche auch eher eine gereizte Stimmung statt einer depressiven Stimmungslage)
  • Verlust des Interesses oder Freude an allen, oder fast allen, Aktivitäten
  • Deutlicher Gewichtsverlust ohne Diät oder eine Gewichtszunahme (mehr als 5% des Körpergewichtes in einem Monat); oder verminderter oder gesteigerter Appetit an fast allen Tagen
  • Bei Kindern ist das Ausbleiben einer erwarteten Gewichtszunahme zu beachten!
  • Schlaflosigkeit oder vermehrter Schlaf an fast allen Tagen
  • Müdigkeit oder Energieverlust an fast allen Tagen.
  • Psychomotorische Unruhe oder Verlangsamung (durch andere beobachtbar, nicht nur das subjektive Gefühl von Rastlosigkeit oder Verlangsamung)
  • Gefühl der Wertlosigkeit oder übermässige Schuldgefühle
  • Verminderte Fähigkeit zu denken oder sich zu konzentrieren, verringerte Endscheidungsfähigkeit
  • Wiederkehrende Gedanken an den Tod (nicht nur Angst vor dem Sterben), wiederkehrende Selbstmordvorstellungen, tatsächlicher Selbstmordversuch

Damit die Diagnose einer Depression zutrifft, müssen 5 oder mehr der oben angeführten Symptome zusammen in einem Zeitraum von mindestens 2 Wochen bestehen. Zusätzlich muss eines der Symptome entweder eine depressive (niedergeschlagene) Stimmungslage (bzw. eben Reizbarkeit und Irritierbarkeit bei Kindern) oder aber ein Verlust von Interessen und Freude sein.

Zusätzlich müssen diese Symptome relevante klinische Beeinträchtigungen oder Leidensdruck verursachen und nicht durch eine andere körperliche Erkrankung oder Medikamentennebenwirkung verursacht sein. Es sollte ausgeschlossen werden, dass die Symptomatik nicht besser durch den akuten Verlust einer nahen Bezugsperson oder Freundes mit einer Trauerreaktion erklärt werden kann.

Wie Sie sehen, ist es also ein ganz wichtiger Punkt, dass eine echte Depression sich durch eine Vielzahl von anhaltenden Symptomen über einen längeren Zeitraum auszeichnet und damit deutlich mehr als nur das Gefühl „traurig“ oder „niedergeschlagen“ zu sein, beinhaltet.

Lassen Sie mich auch ein paar Worte zu Depressionen bei Kindern sagen. Die Forschung hat uns gezeigt, dass die Kernsymptome einer Depression bei Kindern und Jugendlichen die Gleichen wie bei Erwachsenen sind. Einige Symptome können jedoch in den frühen Jahren etwas stärker dominieren. Wie schon zuvor ausgeführt wurde, kann bei Kindern und Jugendlichen das vorherrschende Gefühl eher eine extreme Reizbarkeit als eine „depressive“ Stimmung sein. Zusätzlich können somatische (körperliche) Beschwerden und soziales Rückzugsverhalten besonders häufig bei Kindern sein, während ein übermässiges Schlafbedürfnis (eine sog. Hypersomnie) oder eine psychomotorische Verlangsamung (langsame und wenige Bewegungen) weniger häufig sind.

Wie würde also ein „typisches“ depressives Kind aussehen? Obwohl es in der Symptomatik und Verlauf von Kind zu Kind weite Variationen geben kann, wird ein solches Kind extrem irritabel und reizbar sein und eine deutliche Veränderung in seinem Verhalten gegenüber dem Normalzustand zeigen. Sie würden aufhören sich an Aktivitäten zu beteiligen oder zu erfreuen, die sie sonst gerne hatten und auch eine deutliche Veränderung in ihrem Essverhalten zeigen.

Mit diesem kurzen Überblick über Depressionen als Basiswissen, lassen Sie uns zurück zur Studie schauen. Die Autoren der Studie untersuchten zunächst 76 Jungen, bei denen eine Major Depression und ADHD diagnostiziert wurde und führten die Untersuchung für 4 Jahre fort. Weil eine Depression eine so einschneidende Erkrankung sein kann, waren sie daran interessiert, welche Faktoren zur Aufrechterhaltung der Depression beitragen und wie der Verlauf von Depression und ADHD sich beeinflusst.

Das Ergebnis der Studie zeigte, dass der aussagekräftigste Einfluss für das Fortbestehen einer Depression zwischenmenschliche Schwierigkeiten waren (d.h. die Kinder waren nicht in der Lage, mit ihren Freunden zurecht zu kommen). Dagegen waren Schulschwierigkeiten und die Schwere der ADHD-Symptomatik nicht direkt mit dem Anhalten einer Depression verknüpft. Zusätzlich musste ein deutliches Nachlassen einer ADHD-Symptomatik nicht zwangsläufig auch mit einer gleichzeitigen Remission (Besserung) der depressiven Symptomatik einhergehen. Mit anderen Worten, der Verlauf der ADHD-Symptome und der Verlauf der depressiven Symptome in dieser Gruppe von Kindern schien voneinander relativ unabhängig zu sein.

Das Ergebnis dieser Studie legt nahe, dass bei Kindern mit ADHD und Depression die depressive Störung nicht einfach als Resultat der tagtäglichen Demoralisierungen erklärt werden kann, die man bei ADHD erleben kann. Obwohl sicher diese Probleme ein wichtiger Risikofaktor für die Entstehung einer Depression bei Kinder sind, ist die Depression bei Kindern mit ADHD eine eigenständige Erkrankung und nicht bloss „Demoralisierung“.

Eine Depression im Kindesalter kann effektiv mit psychologischen Behandlungsmethoden therapiert werden. Tatsächlich sind heute die wissenschaftliche Belege für die Effektivität von psychologischen Behandlungsmassnahmen für Depressionen bei Kindern und Jugendlichen überzeugender, als die Belege, die für den Einsatz von Medikamenten sprechen.

Als wichtiges Ergebnis dieser Studien denke ich, sollten Eltern sehr sorgfältig hinsichtlich der Beachtung von Symptomen einer Depression bei ihren Kindern sein, und nicht nur einfach annehmen, dass dies eine andere Facette des kindlichen ADHD sei. Ausserdem sollte man, wenn ein Kind mit ADHD eine zusätzliche Depression entwickelt, spezielle Behandlungsmassnahmen für die depressive Problematik einleiten. Wie diese Studie zeigt, darf man nicht einfach annehmen, dass die Probleme, die durch die ADHD-Symptomatik verursacht werden, auch die depressive Symptomatik des Kindes beeinflussen.

Wenn Sie sich Sorgen über eine mögliche Depression bei Ihrem Kind machen, sollte eine sorgfältige Abklärung bei einem erfahrenen Kinder- und Jugendpsychiater dringend erfolgen. Dies kann eine schwierige Diagnose sein, so dass Sie wirklich auf einen, in diesem Bereich sehr erfahrenen, Arzt oder Psychologen bestehen sollten.

This article is by Dr. David Rabiner, a child clinical psychologist at Duke University, and appeared in ADHD RESEARCH UPDATE, a newsletter that helps parents and professionals keep informed about new research on ADHD www.helpforadd.com.

Orginalstudie:
Depression in attention deficit hyperactivity disorder (ADHD) children: "true" depression or demoralization?
Biederman J, Mick E, Faraone SV.
J Affect Disord. 1998 Jan;47(1-3):113-22.

 

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